Karlheinz Essl

Portrait KHE


à la recherche de la voix perdue

Musiktheater für 4 InstrumentalistInnen, Computer, Live-Elektronik, Zuspielband und Lichtinstallation
Premiere: 15 Jun 2002, Staatstheater Stuttgart (D)



Ausgangspunkt

"Fünf MusikerInnen auf der Suche nach der verlorenen Stimme" - auch so könnte der Titel dieses Werkes von Karlheinz Essl lauten, das sich als "Musiktheater" ausgibt, ohne dass dabei SängerInnen involviert wären. Der Begriff "Musiktheater" wird hier ganz wörtlich verstanden als "Theater mit musikalischen Mitteln". Die Protagonisten sind die Instrumentalisten selbst, die wie Schauspieler auf der Bühne agieren: vier hochkarätige Musiker auf unterschiedlichen Instrumenten (Posaune, Akkordeon, Schlagzeug und Cello) und der Komponist selbst auf seinem selbstentwickelten Computerinstrument m@ze°2. Der Akt des Spielens am Instrument, der physische Vorgang des Hervorbringen von Klang wird von den fünf MusikerInnen als theatralischer Vorgang gestaltet, der als Resulat nicht nur szenische Aktionen, sondern auch den Klang hervorbringt.


voix perdue - premier Stuttgart

Szenenfoto von der Uraufführung am 15. Juni 2002 im Stuttgarter Kammertheater


Klangtypen

Auf der Suche nach der "verlorenen Stimme" benutzen die MusikerInnen fünf verschiedene Klangtypen, die aus der menschliche Stimme abgeleitet sind. Diese Klangtypen beschreiben verschiedene Ausdrucks- und Gestaltungsmöglichkeiten, die von den MusikerInnen improvisando realisiert werden.

ATEM
Klänge, die aus dem Ein- und Ausatmen abgeleitet sind. Geräuschhafte Klangbänder mit langen Ein- und Ausschwingphasen, die im Laufe des Stückes immer mehr Tonhöhencharakter erlangen und dabei zu Vokalen werden.
LAUTE
Rhythmisch komplex strukturierte konsonantische Bildungen; Phrasen unterschiedlicher Länge mit dezidiertem Expressivo-Charakter. Zunächst noch sehr geräuschhafte Klicks, Schnalzer und Schmatzer, die allmählich immer mehr mit Tonhöhen angereichert werden.
SPRACHE
Der Versuch, das jeweilige Instrument zum Sprechen zu bringen durch Nachahmung von Phrasenbildungen, Tonfall und Agogik einer natürlichen (jedoch real nicht existierenden) Sprache. Im Vordergrund steht wieder der expressive Gestus, der in seiner übersteigerten Form am ehesten an Zungenreden anknüpfen soll.
GESANG
Die Überhöhung des Sprechens ins Singen mit Mitteln wie rhythmischem Skandieren, Jodeln, prunkvoll wuchernder Melismatik und grotesker Virtuosität.
MUSIK
Die Transzendierung des Singens in Bereiche jenseits der menschlichen Stimme hin zu abstrakten Klangwelten.


Zeitpartitur

Zeitpartitur #1

Zeitpartitur: erste Seite

Die Entfaltung dieses Entwicklungsprozesses wird durch eine genau ausgearbeitet Zeitpartitur geregelt. Diese bestimmt, an welchen Stellen welcher Musiker welche Klangtyp zu spielen hat und wie lang diese dauern soll. Als Einsatzgeber fungieren dabei Scheinwerfer, die auf die einzelnen Musiker gerichtet sind: geht der Scheinwerfer an, beginnt der Musiker zu spielen, erlischt das Licht, beendet auch der Musiker sein Spiel. Die Farbe des Lichtes wiederum bestimmt, welche Klangtyp zu spielen ist:

ATEM: dunkelblau
LAUTE: orange
SPRACHE: gelbgrün
GESANG: hellrot
MUSIK: weiß
Die Klangtypen wurden nicht als Notentext ausgearbeitet, sondern werden von den Musikern (die allesamt über umfangreiche Erfahrungen im Bereich Freier Musik und neuen Spieltechniken verfügen) improvisiert. Dabei soll immer Bezug auf die sich jeweils ergebenden musikalischen Kontext genommen werden.

Die Dauern der einzelnen Klangtypen entfalten sich unabhängig in jeder der 5 Instrumentalschichten als kanonische Struktur, die von zeitlicher Ausdehnung bzw. Kontraktionen bestimmt ist. Dies läßt sich aus der Partitur genau ablesen: in jeder Stimme folgen die Dauern der Pausen und Aktionsteile einem Prozess des kontinuierliche Verlängerns bzw. Verkürzens. Die Gesamtkonstruktion ist so gestaltet, dass das Stück zunächst mit gestaffelten Einsätzen beginnt und zum Schluss in allen Stimmen gleichzeitig zu Ende geht.

Die Dauern der Klangtypen und der sie trennenden Pausen basieren auf einer fünfgliedrigen geometrischen Zeitreihe, der kleinstes Element 60 Sekunden, das längste hingegen 240 Sekunden (= 2 Zeitoktaven) umfaßt:

[60 80 120 170 240]

NB: Eine Klangtyp kann vom Interpreten in Phrasen unterteilt werden: das heißt, dass darin beliebig viele und beliebig lange Pausen eingebettet werden können.


La voix perdue

Die Musiker nähern sich im Verlauf des 72mintügen Stückes immer mehr dem Charakter einer Stimme an, den sie dann zuletzt auch wieder verlassen zugunsten einer Transformation zu einer völlig abstrakten, kaum mehr erdverbundenen Klangwelt. Die "verlorene Stimme" hingegen tritt auch selbst als Protagonist in Erscheinung, wenn auch nicht als reale Person: sie erklingt als unsichtbares Wesen über Lautsprecher aus dem Off und wird immer dann hörbar, wenn die anderen Instrumente gemeinsam pausieren. Zunächst ist diese Stimme noch nicht als solche erkennbar, sie erscheint wie unter einem Mikroskop in Zeitlupe betrachtet und offenbart dabei in extremer Verlangsamung die Umstände ihres körperlichen Ursprungs. Erst nach und nach wird dieser erdferne Klang als menschliche Stimme erkennbar, die sich dann aber immer mehr verliert, und zuletzt völlig mit den Instrumentalklängen verschmilzt.


ProtagonistInnen

Mike Svoboda: Posaune
Ute Völker: Akkordeon
Sue Schlotte: Violoncello
Thomas Witzmann: Schlagzeug
Karlheinz Essl: Computer & Live-Elektronik



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Updated: 18 Jul 2010