Karlheinz Essl

Portrait KHE


Zungenreden

Radiophones Hörstück
1990

Commissioned by Austrian Radio - KUNSTRADIO


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Das Universum ist eine Bibliothek mit einer womöglich unendlichen Anzahl von Büchern, in denen alle möglichen Kombinationen der 25 orthographischen Zeichen versammelt sind. Die Menschen der "Bibliothek von Babel" (so der Titel einer 1941 veröffentlichten Erzählung des Argentiniers Jorge Luis Borges) suchen ach Büchern, in denen sich Zeichenkombinationen finden, die Sinn ergeben. Der Erzähler fand bisher nur einen zusammenhängenden Satz, der da lautet: "Oh tiempo tus piramides".

Im Paradigma dieser Erzählung, eigentlich einem sprach-philosophischen Essay, sieht Karlheinz Essl Entsprechnungen zu seinen eigenen kompositorischen Anliegen, die um die Metaphern Chaos & Ordnung, Zufall & Notwendigkeit, Unendlichkeit, künstliche Sprachen, Kommunikation jenseits von Mitteilung kreisen.

Im Stück Oh tiempo tus piramides (1988) für Kammerorchester ordnen computer-generierte Zufälle das Material. Um das Verfahren auch auf einer sprachlichen Ebene nachvollziehbar zu machen, erstellte Essl für das ORF-Kunstradio zusammen mit der Schauspielerin Eva Linder die Sprachcollage Zungenreden. Dieses "radiophone Hörstück" dekonstruiert das Ausgangsmaterial des Borges-Textes mehr und mehr, um auf diese Weise künstliche Sprachen entstehen zu lassen, wie sie in den Büchern der babylonischen Bibliothek versammelt sein mögen.

In der Performance Sprachlabyrinthe - Ein letztes Borges-Projekt, die Essl und Linder kürzlich in der "Alten Schmiede" präsentierten, wurden diese beiden Stück durch drei weitere live dargebotene Sprachcollagen umrahmt, die zusätzlich biblische Texte über die babylonische Sprachverwirrung und Augustinus' Reflexionen über die Ewigkeit in die Montage einbeziehen, diese in kleinste Bestandteile zerlegen und neu zusammensetzen.

Haftete diesen in extenso ausgebreiteten Sprachspielen auch streckenweise etwas Bemühtes an, erhellten sie andrerseits durchaus gangbare und interessante Wege kompositorischer Verfahren, die zum Bestandteil einer neuen Ästhetik der musikalischen Avantgarde werden könnten, wie Karlheinz Essl sie sucht, wissend, daß die Chance, den "Katalog", die "Rechtfertigung oder irgendeine trügerische Abwandlung derselben" (Jorge Luis Borges) zu finden, "mit Null zu beziffern ist". (Heinz Rögl)

"Ein letztes Borges-Projekt" von Karlheinz Essl in Wien (Heinz Rögl)
in: Salzburger Nachrichten (Salzburg, 22 Januar 1991)



Realisiert 1990 als Auftragswerk des ORF Kunstradios
Erschienen auf der CD RP4 - Beispiele österreichischer Radiokunst (1992)


About

Das radiophone Hörstück Zungenreden (1990) basiert auf Jorge Luis Borges' Erzählung Die Bibliothek von Babel. Mit Hilfe eines gemeinsam mit Gerhard Eckel entwickelten Computerprogrammes, das auf einem Markovketten-Algorithmus beruht, wird die literarische Vorlage nach und nach dekonstruiert. Bei anfänglicher Beibehaltung der grammatikalischen Struktur verwirren sich zunächst die semantischen Bezuege. Allmählich wird auch die Syntax brüchig, ehe der Auflösungsprozeß auf die einzelnen Worte übergreift. Es entstehen merkwürdige Sprachvarianten, die zunächst Assoziationen an bestimmte Dialektformen hervorrufen mögen. Daraus entwickeln sich schließlich künstliche Sprachen, die zuletzt in ihre phonemischen Bestandteile zerlegt als reine musikalische Klangwerte, ohne jegliche semantische Bedeutung, ertönen:


Ich habe die Fahrt nach einem Buch angetreten,
vielleicht dem Katalog der Kataloge -
in der Einsamkeit eines Raums

Die Bibliothek der Blätter Wildheit
definiglich endlich

Getrieben von dem buchstabenkombinatorischen Gedanken:
"Sprechen heißt in Tautologien zu verfallen."

de insten pollión
solung une dédenger
hupókache uneiem

Bücher der scharlachroten Seite,
deren Zufallsbände ständig in Gefahr schweben;
das ins Überfeen
schlüssigende Gramidém:

Hoffnung, die allschränkt, behauern!


Score

Zwei Ausschnitte aus der Realisationspartitur von Zungenreden:


Zungenreden, Partitur S. 1


Zungenreden, Partitur S. 8


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Updated: 10 Jun 2019

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