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Interview mit Karlheinz Essl

Im Gespräch mit Irene Kurka
Podcast neue musik leben


Werdegang | Zusammenarbeit | Stimme | Vermittlung | Unterrichten | Zeitmanagement | Dankbarkeit | Erfolg | Tipps | Kochen



Werdegang

Irene Kurka: Hallo, lieber Karlheinz Essl! Ich heiße dich ganz herzlich in meinem Podcast „neue musik leben“ willkommen. Als Erstes möchte ich gerne von dir wissen, wie du zur Neuen bzw. experimentellen Musik gekommen bist?

Karlheinz Essl: Das war ein ganz merkwürdiger Umweg. Nachdem ich jahrelang Klavier gespielt und sehr viel mit Klassik zu tun hatte, bin ich in meiner Teenagerzeit auf eine ganz andere Musik umgestiegen. Ich habe das Klavier sozusagen zugeklappt und mich der E-Gitarre gewidmet. In meiner Band haben wir Rockmusik gespielt. Mich hat aber nicht jene Musik interessiert, die 1970er Jahren alle gehört haben. Rolling Stones und die Beatles haben mich überhaupt nicht interessiert. Wo ich wirklich Feuer gefangen habe war die Musik einer deutschen Band namens CAN, die in den 1960er und frühen 1970er Jahren aktiv waren und eine ganz eigene Musik gemacht haben, die nicht vom Rock ’n‘ Roll inspiriert war, sondern eher von experimenteller und elektronischer Musik, aber auch von „Weltmusik”, wie man heute sagen würde. Die Musiker von CAN waren zum Teil Schüler vom Karlheinz Stockhausen. Einer von ihnen, Irmin Schmidt, wird dieses Jahr 85. Damals war er Kapellmeister an einem Theater im Ruhrpott und hatte bei Stockhausen studiert. Der andere war Jazzbassist und ebenfalls Stockhausen-Schüler: Holger Czukay, der leider schon gestorben ist. Die beiden haben zusammen mit dem Free-Jazz-Schlagzeuger Jaki Liebezeit, der mit Irène Schweizer gespielt hat, eine Rockband gegründet, obwohl sie allesamt keine Rockmusiker waren. Und haben sich inspirieren lassen von den Ideen der „offenen Form”, wie sie Karlheinz Stockhausen in seinen Vorträgen und bei den Darmstädter Ferienkursen proklamiert hat. Daraus ist ein ganz tolles Projekt entstanden, nämlich eine Band, die gar nicht aus Rockmusikern besteht, sondern aus Musikern verschiedener Bereiche, die eine Musik machen, die noch nie zu hören war und die sich sehr stark mit Improvisation beschäftigt, mit einem ganz dezidierten Interesse am Sound. Die haben auch sehr viel mit Elektronik gearbeitet und nicht Songs gemacht, wie das sonst üblich war, sondern improvisatorische Prozesse initiiert, die sich ständig weiterentwickelt und verändert haben.

In diesem Zusammenhang bin ich erstmals auf den Namen Stockhausen gestoßen. Ich habe mich gefragt, wer dieser Mensch ist, über den wollte ich mehr wissen. Da bin ich in die Wiener Hauptbücherei gefahren und habe in der Musikabteilung, die sehr gut sortiert ist, nachgeforscht. Und habe dort nicht nur Schallplatten gefunden, sondern auch Bücher von ihm: die ersten beiden Bände seiner Texte zur elektronischen und instrumentalen Musik. Dies habe ich mir ausgeliehen und zu Hause gelesen. Zunächst war ich total irritiert, aber auch fasziniert, was dieser Mensch da alles zusammenschreibt und was der für Ideen hat und was das für mathematische Konzepte sind. Ich habe nichts von alledem verstanden, war aber total fasziniert und wollte sofort eine Platte von ihm kaufen. LPs waren damals wirklich etwas ganz Besonderes. Ich bin dann in einen speziellen Plattenladen gegangen, wo ich immer meine Musik gekauft habe. Und tatsächlich hatten die auch Stockhausens KONTAKTE für Klavier, Schlagzeug und elektronische Klänge. Diese Platten war natürlich für einen Jugendlichen, der kein Einkommen hat, sehr teuer. Das heißt, ich musste sehr lange mein Taschengeld sparen, bis ich dann an diese Platte gekommen bin. Die habe ich mir dann gekauft und zu Hause zum ersten Mal gehört. Zunächst dachte ich, mein Plattenspieler sei kaputt, denn was da zu Hören war, hat mich im ersten Moment schockiert. Jetzt hatte ich aber schon 160 Schilling – das war damals wirklich viel Geld! – in diese Platte investiert! Jetzt muss ich sie so oft hören, bis die mir gefällt. Und dann habe ich die Schallplatte dutzende Male abgespielt und mich in diese Klangwelt, die mir völlig fremd war, hineingehört. Und habe dann Feuer gefangen und war total beseelt von dieser Art von Expressivität, die dahintersteckt. Ich habe dann auch Stockhausens „Texte” gelesen, da gibt’s Analysen über dieses Stück und Hintergrundinformationen. Angeregt davon habe ich selber begonnen, ein Stück zu schreiben, das inspiriert war von diesem Denken. Natürlich nicht elektronisch, weil ich keine Mittel dafür hatte, aber ich habe damals Gitarre gespielt und dafür ein Stück komponiert im Sinne der Stockhausen‘schen Momentform. Ich hatte zwar keine Ahnung gehabt, was das genau ist, aber ich habe mich dennoch davon inspirieren lassen und habe so - mit 16 Jahren! - mein erstes serielles Stück komponiert: Nebenniere. Ohne irgendeine Anleitung oder Hintergrundwissen, nur aufgrund dieser Platte und der Texte.

Irene Kurka: Und dann war es ja klar, dass du Kompositionen machst und auch studieren möchtest?

Karlheinz Essl: Naja, das war zunächst nicht ganz klar, weil ich damals eine Ausbildung zum Chemieingenieur gemacht habe in einer berufsbildende Schule mit Abitur. Während meiner Schulzeit habe ich viel mit Naturwissenschaften zu tun gehabt, und das interessiert mich immer noch, das hat mich stark geprägt. Als ich mit der Schule fertig war, wollte ich aber was ganz anderes machen als Chemie – ich wollte unbedingt Musik studieren. Das war natürlich schwierig, weil meine Eltern das überhaupt nicht geschätzt haben. Sie haben mich an ein Versprechen erinnert, das ich ihnen gegeben hatte, dass ich nach der Chemieschule Jura oder Wirtschaftswissenschaften studiere. Letzteres stand für mich aber vollkommen außer Frage. Blauäugig bin ich zur Uni gefahren und wollte mich für Jus inskribieren. Und habe erfahren, dass mir dafür das Latein-Abitur fehlt. Was könnte ich denn sonst machen? Musikwissenschaft, da braucht man zwar auch Latein, aber erst im dritten Semester. Dann habe ich das so gelöst, dass ich meinen Eltern gesagt habe, dass ich den verpflichtenden Lateinkurs belege, um später Jus studieren zu können. Daneben habe ich aber heimlich am musikwissenschaftlichen Institut studiert und wahnsinnig viele Vorlesungen besucht, Scheine gesammelt, Seminare gemacht. Am Ende des Jahres bin ich mit einem Packen Zeugnisse zu meinen Vater gegangen und gesagt: Schau, was ich in diesem Jahr wirklich studiert habe! Da war er sehr beeindruckt und gemeint: Okay, das ist dein Weg. Dann gehe ihn. Ich bin zwar nicht überzeugt, dass das was wird, aber wenn du schon so dafür brennst, dann sollst du das machen.

Irene Kurka: Das ist aber schön!

Karlheinz Essl: Das ist wirklich schön und da bin ich ihm auch sehr dankbar, dass er mir dieses Studium ermöglicht hat. Einmal hatte ich eine Jura-Vorlesung über römisches Recht im Audimax der Universität Wien besucht mit hunderten Studierenden und einem unglaublich langweiligen Vortrag. Ne, habe ich mir gesagt, das kann ich nicht, das ist nicht meine Welt!

Der erste Studienabschnitt war eine Kombination von historischer und systematischer Musikwissenschaft. Das heißt, ich habe auch sehr viel Ethno-Musikologie dort gelernt neben Akustik am Institut für Schallforschung. Dieses Institut hat bereits Anfang der 1980er Jahre Computer zur Aufzeichnung, Verarbeitung und Analyse von Klängen verwendet. Dort habe ich mich sehr viel herumgetrieben. Und habe dann schon recht früh, bevor die PCs rausgekommen sind, mit Mainframe Computern gearbeitet und dabei eine Vorform des heutigen Internets kennengelernt: das sogenannte BITNET, ein internationales Netzwerk von Rechnern auf universitärer Ebene. Und dieser Traum, den ich damals als Jugendlicher hatte, mir irgendwann mal einen Synthesizer zu kaufen, wenn ich viel Geld habe, rückte in immer größere Nähe. Ich habe mir da zwar noch keinen Synthesizer leisten können, aber ich habe gemerkt, dass man mit Software auch ziemlich viel machen kann und nicht unbedingt einen Synthesizer braucht.

Irene Kurka: Das heißt, du warst auch so ein Tüfteltalent und ein Techniktalent, Dinge selber zu bauen oder auch herzustellen?

Karlheinz Essl: Ja, irgendwie schon. Das verdankt sich sicherlich auch meiner Chemieausbildung, dass ich mich auch für naturwissenschaftliche Fragen interessiert habe. Aber zur gleichen Zeit haben meine Freunde und ich uns sehr stark mit Literatur beschäftigt. E.T.A. Hoffmann und seine fantastischen Traumwelten haben uns mächtig fasziniert, aber auch die experimentelle Avantgarde-Literatur nach dem Krieg. Der Deutschlehrer an unserer Schule hat unser Interesse erkannt und gefördert. Es waren drei oder vier Leute in meiner Klasse, die sich für Sachen interessiert haben, die man in diesem Alter nicht so wirklich im Fokus hat, eben Musik, Literatur, Kunst. Dieser Lehrer hat uns ein Buch gegeben von der Wiener Gruppe – eine Gruppierung von Schriftstellern wie H. C. Artmann, Oswald Wiener (der gerade gestorben ist), Konrad Bayer, Gerhard Rühm – eine Anthologie ihrer Texten und Performances. Das hat uns damals unglaublich fasziniert, dieses subversive Auftreten gegen das bürgerliche Establishment mit schockierenden Performances. Und das haben wir dann in unsere Rockband eingebaut. Ausgehend von der Idee des poetischen acts, wie ihn H. C. Artmann 1953 formuliert hatte – dass nämlich jeder ein Künstler sein kann, wenn er das nur überzeugend macht – haben wir mit unserer Rockband Performances gemacht, die extrem anders waren als normale Popkonzerte, wo man eine Nummer nach der anderen spielt. Das waren eigentlich inszenierte Theaterstücke, wo auch gelegentlich auch Kunstblut geflossen ist, und das war zum Teil schockierend und subversiv.

Das war mein Background. Und dann habe ich irgendwann gesagt, nein, ich möchte jetzt wirklich ernsthaft Musik studieren, habe diesen ganze Rockkram von einem Tag auf den anderen abgedreht und mich dann in den ersten zwei Jahren meines Musikwissenschaftsstudiums ganz, ganz intensiv mit mittelalterlicher Musik beschäftigt, mit Gregorianik und der Frührenaissance. Ich habe dann auch in einem Ensemble Laute gespielt, die ich mir aus einem Bausatz selber zusammengebastelt hatte. Wir spielten damals franko-flämische Musik aus der Zeit von Dufay und Binchois und experimentierte mit verschiedenen Interpretationsansätzen.

Irene Kurka: Das finde ich jetzt total interessant, weil ich, ich weiß gar nicht, ob du das bei mir gelesen hast, ich mache auch ganz viel Hildegard von Bingen und habe tatsächlich noch von 2014 bis 2016 ein berufsbegleitendes Studium Masters für Mittelalter in Essen gemacht. Ich mache schwerpunktmäßig ja zeitgenössische Musik. Aber irgendwann habe ich mich immer gefragt, gibt’s irgendwie noch eine andere Epoche? Und dann überspringst du natürlich wieder ganz viel, weil eigentlich alles begleitet ist, und dann bin ich im Mittelalter gelandet. Und mich hat das auch so ziemlich angemacht alles und auch so das Gefühl für Wort und Sprache. Also es hat bei mir sehr, sehr viel auch noch mal verändern später wieder, wie ich dann mit der Musik, die ich sonst singe, umgehe. Und finde ich auch ganz spannend, dass dich das auch mal begleitet hat.

Karlheinz Essl: Also bis heute. Diese Beschäftigung mit dem Vorbarock und den dahinterliegenden Konzepten finde ich nach wie vor äußerst spannend. Eine Musik, die in erster Linie nicht einen bestimmten Ausdruck erzielen möchte, sondern eine sehr starke spirituelle Fundierung hat und viel mit Geheimnissen arbeitet, mit Symboliken und Strukturen, die im Sinne der Gematrie mit Buchstaben und Zahlen operiert, die gar nicht an der Oberfläche sichtbar sind, aber dennoch das Ganze, was dann dabei entsteht, bestimmen. Das heißt, diese Idee des Programmierens von Musik oder das Erfinden eines Algorithmus habe ich damals bereits in der sog. Alten Musik gefunden. Was mich später zur Computermusik geführt hat.

Irene Kurka: Weil was mich jetzt interessieren würde, wir haben jetzt so quasi über die Beginne gesprochen, aber jetzt bist du schon eine ganze Weile dabei, du lehrst auch Komposition, du hast viele Aufführungen schon erlebt, viele Stücke geschrieben. Und wenn du jetzt zurückblickst, gibt es einen roten Faden? Also manchmal sieht man den erst, wenn man zurückguckt. Solange ich irgendwie im Tun bin, weiß ich vielleicht manchmal auch gar nicht, wieso, weshalb, warum. Gab’s oder gibt‘s einen roten Faden bei dir?

Karlheinz Essl: Im Rückblick findet man immer den roten Faden, aber im Moment ist dieser Faden nicht sichtbar. Ich habe einfach das Gefühl, geführt zu werden. Ich mache viele verschiedene Dinge, bin offen, liefere mich Menschen aus und bin auch bereit, etwas anzunehmen, was mir fremd ist. Und damit bin ich immer weiter gekommen. Vielleicht nicht immer linear in die gleiche Richtung. Es war eher ein sehr mäandernden Weg, der mich letztlich zu dem gemacht hat, wer ich bin. Und ich glaube auch, dass das irgendwie eine Art von Führung war. Die ich jetzt nicht unbedingt selber betrieben habe, sondern dass das irgendwie etwas – Göttliches – war, das mich dorthin geführt hat, wo ich jetzt stehe. Und dafür bin ich sehr dankbar.


Zusammenarbeit

Irene Kurka: Was hat dir Kraft gegeben oder gibt dir heutzutage Kraft?

Karlheinz Essl: Ja, dieses Wissen, geführt zu sein. Auch in unseren schwierigen Zeiten heute, also wo wir nicht wissen, wie das jetzt weitergeht, und dass wir derzeit als Musiker und Komponistinnen wegen Corona so wenig Möglichkeiten haben, vor Publikum zu spielen. Aber trotzdem haben sich in dieser Pandemie interessante Begegnungen ergeben und auch Projekte mit Leuten, die ich mir früher nicht vorstellen konnte. Ganz konkret habe ich im Pandemiejahr 2021 mit zwei anderen Komponisten und einer Komponistin ein gemeinsames Projekt gemacht, wo wir 14 Bilder eines zeitgenössischen Künstler namens Valentin Oman vertont haben in einer Besetzung für Stimme, Cello, Klarinette, Flöte, Horn und Akkordeon. Dieses Projekt wurde von der Flötistin Elisabeth Möst initiiert, die in Detmold lebt und die diese Bilder gesehen hat und unbedingt wollte, dass diese zum Klang werden. Dann hat sie uns vier gefunden – wir kannten uns zum Teil kaum – und uns vernetzt. Ein halbes Jahr haben wir uns jeden Montag in der Früh zu einer Zoom-Konferenz getroffen und überlegt, wie wir diese 14 Kreuzwegstationen gemeinsam umsetzen: großformatige abstrakte Bilder, die 1991 im slowenischen Piran entstanden sind und die Schrecken des Jugoslawien-Kriegs zu verarbeiten suchen. Auch die Instrumentalbesetzung hat sich erst in den Diskussionen ergeben und die Überlegung, wie wir die verschiedenen Stationen untereinander aufteilen sollen. Wie finden wir einen gemeinsamen Faden, der 14 unterschiedliche Stücken zu einem Bogen zusammenspannt? Bevor wir begonnen haben zu komponieren, haben wir monatelang nur am Konzept geschmiedet und uns Gedanken gemacht, wie wir zusammenarbeiten. Wir sind vier Leute, 14 Stücke gibt‘s, da müsste jeder dreieinhalb Stücke komponieren. Geht nicht so gut. Also die Idee war dann, dass jeder drei Stücke komponiert. Die beiden verbleibenden Stücke, das erste und das letzte, haben wir dann gemeinsam komponiert.

Irene Kurka: Wie habt ihr das gemacht?

Karlheinz Essl: Wir haben jedes dieser Stücke ebenfalls in 14 Teile unterteilt und die Dauern der Abschnitte vorab bestimmt. Die sind nur sehr kurz, zwischen 8 und 60 Sekunden, und wurden nach einem seriellen Konzept definiert. Dazu gab es einen vorgegebenen harmonischen Ablauf – ein Reservoir von Intervallen und Tönen, mit denen man arbeiten konnte – und die Instrumentation. Damit haben wir eine stimmige Gesamtdramaturgie gebaut. Dann haben wir untereinander verhandelt, wer welchen Abschnitt komponiert. Wenn man diese beiden Stücke anhört glaubt man gar nicht, dass das vier Leute gleichzeitig komponiert haben.

Irene Kurka: Das ist genial!

Karlheinz Essl: Die Vorgabe war, immer weiterzuarbeiten und an dem anzuschließen, was bereits komponiert wurde. Ein wenig so wie bei „Stiller Post”… Tanja Glinsner hat den Anfang gemacht, das war praktisch nur ein auskomponierter Impuls. Ich habe das dann weitergeführt mit den Vorgaben, wie lange es ist und welche Töne ich verwenden darf. Dann habe ich es Till Körber geschickt, der das, was ich komponierte hatte ist, weitergeführt hat. Und so fort. Und so wurde das Stück immer weitergesponnen, bis es dann nach sieben Minuten zu Ende war.

Irene Kurka: Super! Kann man sich das irgendwo anhören? Gibt’s das auf deiner Webseite?

Karlheinz Essl: Das Stück heißt TAU, nach dem letzten Buchstaben des griechischen Alphabets. Es ist auch ein Kreuzzeichen, das in jedem der Bilder von Valentin Oman erscheint. Man findet das alles auf meiner Website. Und es gibt auch einen Film! Trotz Corona konnte die Uraufführung im September 2021 in der Schlosskirche von Tanzenberg in Kärnten stattfinden, wo auch die Bilder von Valentin Oman zu sehen sind. Wir hatten sehr viel Publikum, das war im September noch möglich, und am nächsten Tag haben wir dann mit einem Filmteam das Ganze aufgenommen und einen richtigen, schönen Film gemacht, den man auch auf YouTube sehen kann.


TAU - Zeichen des Umbruchs
Ein Film von Simon Essl und Sebastian Kubelka
© 2021


Die menschliche Stimme

Irene Kurka: Jetzt hast du schon gesagt, dass das ein Stück für Stimme ist. Wie ist es für dich, für die menschliche Stimme zu schreiben?

Karlheinz Essl: Ich finde, die menschliche Stimme ist das interessante Instrument überhaupt, das unmittelbarste, weil es nicht medial gefiltert ist durch irgendeine Mechanik von einem Instrument, das man erst einmal lernen muss. Die Stimme ist ja angeboren, jeder hat sie und damit die Möglichkeit, mit seinem Stimmapparat, den Stimmbändern und Vokalräumen, mit der Zunge und den Zähnen Klänge zu erzeugen – das macht ja jedes Kind. Wen man Babies zuhört, wie sie in der Wiege liegen und vor sich hin brabbeln und versuchen, sich die Sprache so nach und nach anzueignen, ist es faszinierend. Und das ist ein Potenzial, was jeder Mensch hat. Und deswegen ist das Komponieren für Stimme sowas Tolles, weil es so unmittelbar ist!

Irene Kurka: Das freut mich zu hören, weil ich auch Komponisten und Komponistinnen kenne, die manchmal auch sehr großen Respekt haben und meinen, das ist so emotional, oder man assoziiert gleich etwas. Und da ich mich auch über Stücke freue, freue ich mich immer, wenn Komponisten damit umgehen können oder auch wirklich Lust drauf haben. Und ich nehme es auch so wahr wie du, dass die Stimme sehr unmittelbar ist und das merke ich auch, vor allem in den Soloprogrammen, wenn ich da wirklich ganz alleine auf der Bühne stehe und singe, das erreicht die Leute ziemlich intensiv. Erstaunlich! Also vielleicht auch nicht erstaunlicherweise, weil wie du sagst, das ist das Ureigenste oder die Mutter hat einen vielleicht in den Schlaf gesungen und da gab‘s auch kein Orchester.

Karlheinz Essl: Aber mich hat bei der Stimme auch immer diese andere Ebene interessiert. Also alles, was jenseits des Bekannten ist. Ich habe vor allem mit Sänger:innen gearbeitet, die die ganze Bandbreite der Extended Vocal Techniques draufhaben. So hatte ich 8 Jahre mit Agnes Heginger ein Improvisationsduo mit dem schönen Namen OUT OF THE BLUE. Ein Duo für Stimme und Live-Elektronik, die ich auf meinem Computer gespielt habe mit einer eigens dafür geschriebenen Software. Unser Konzept: wir spielen live und improvisieren frei, ohne Konzept: out of the blue! Kein einziges unserer 15 Konzert wurde vorher geprobt. Jeder hat sich aber individuell auf den jeweiligen Kontext vorbereitet. Dann sind wir auf die Bühne und haben losgelegt. Agnes kommt eigentlich aus dem Jazz, hat aber eine klassische Ausbildung und verfügt über eine beachtliche Virtuosität – sie kann unglaublich schnell auf meine Elektronik reagieren. Und ich wiederum habe mich von ihr anspornen lassen, ganz spontan und unmittelbar auf ihre Stimme zu reagieren. Agnes hat immer die Texte mitgebracht. Sie ist unglaublich belesen und interessiert sich für Lyrik und Gedichte. Das hatte sie so vorbereitetet, dass sie Papierschnipsel mit den Texten aufgelegt hatte. Spontan hat sie immer wieder in die Textsammlung gegriffen und etwas herausgefischt. So hat sie ganze Textcollagen improvisiert, wo sie etwa Ingeborg Bachmann mit Ernst Jandl und Christian Morgenstern ineinander gewoben hat.


OUT OF THE BLUE: Live-Vertonung eines Gedichts von August Walla
24. Juni 2012, Art/Brut Center Gugging


Vermittlung Neuer Musik

Irene Kurka: Super! Das ist schon toll, was auch so aus dem Moment heraus entstehen kann. Was ich mir auch sehr wünsche, ist immer, dass unsere Neue Musik, die ich auch total großartig finde und du auch, also die verschiedenen Musiken, die wir haben, die verschiedenen Stilrichtungen und Ausdrucksformen, dass wir irgendwie aus diesem Bubble rauskommen, dass auch andere Menschen zu uns finden. Ich will eigentlich gar nicht so ein Nischendasein fristen, auch wenn ich die Musikszene oder unsere Szene sehr mag und wir auch gerade jetzt über die sozialen Medien sehr gut verbunden sind. Was können wir da tun, dass noch andere Leute zu uns finden? Oder wie kann man noch Vorurteile vor der Neuen Musik abbauen? Was denkst du?

Karlheinz Essl: Ich glaube, der erste Schritt ist, dass man nicht sagt: Das ist jetzt „Neue Musik”. Ich habe lange Zeit in einem Museum monatlich ein Konzert mit neuer, experimenteller Avantgarde-Musik kuratiert, und da ging es nie um das Etikett Neue Musik. Es war einfach eine Musikveranstaltung im Rahmen einer Ausstellung, die sich im Idealfall mit den Bildern oder Objekten, die gezeigt werden, auseinandersetzt. Unser Publikum war divers: Nicht nur die typischen Neue-Musik-Freaks – die gibt’s ja in jeder Stadt, die kommen dann immer zu allen Konzerten, die kennt man auch – sondern es war eine bunte Mischung aus kunstinteressierten Menschen, Leuten, die zufällig gerade da waren, Touristen zum Beispiel. Und dann natürlich auch das Hardcore-Publikum der jeweiligen Szene, also Musiker:innen aus der Stadt und der Umgebung. Da habe ich gemerkt, wenn man das in einem anderen Kontext macht, dass man andere Hörerwartung evoziert und die Leute einfach offener sind, als wenn man sagt, die machen jetzt ein Konzert im Konzerthaus oder im Musikverein mit Neuer Musik! Das ist ein anderes soziales Konstrukt, da muss man sich auch entsprechend kleiden und verhalten, dann gibt’s Rituale, die man einzuhalten hat, mehr oder weniger bewusst oder unbewusst. Aber wenn man in eine Industriehalle geht oder in ein Museum, ist das schon anders. Ich liebe auch Räume, die nicht konnotiert sind, sondern offen, weil da andere Dinge passieren können.


Unterrichten

Irene Kurka: Das klingt gut! Dann bist du auch Professor für Komposition seit einiger Zeit. Wie ist es für dich, deine Erfahrung weiterzugeben oder den Komponierenden zu helfen? Und wie nimmst du derzeit die weiblichen Studierenden wahr? Was zeichnet die aus oder was haben die für Herausforderungen?

Karlheinz Essl: Das sind viele Fragen auf einmal. Ich unterrichte, um zu lernen. Es geht mir in erster Linie nicht darum, mein Wissen weiterzugeben, sondern in der Auseinandersetzung mit anderen Neues zu erfahren. Natürlich ist es meine Rolle als Lehrer, dass ich meinen Studierenden helfe und sie unterstütze und sie mit Dingen konfrontiere, die sie nicht kennen. Ich sage oft, dass ich ihr Spiegel bin. Ich spiegele zurück, was sie mir zeigen, vielleicht in einer anderen Weise. Und versuche dann, wo es notwendig ist, Hilfestellungen zu geben. Aber es ist sehr unterschiedlich und ganz individuell, weil meine Studierenden im Masterstudium sind und ihre Grundausbildung bereits absolviert habe. Und ich nehme sie als Emerging Artists wahr und nicht als Anfänger, denen man erst das Alphabet beibringen muss. Die haben meist schon was drauf und kommen mit eigenen Ideen. Jede/r ist anders und einmalig. Und so ich versuche, ganz gezielt auf sie einzugehen um ihnen das zu geben, was sie gerade brauchen. In den letzten Jahren ist der Anteil von weiblichen Komponistinnen sehr stark gestiegen ist, also in meiner Klasse sind es derzeit 50%.

Irene Kurka: Also es ist normaler geworden, auch zu studieren, also Komposition als Frau?

Karlheinz Essl: An der Wiener Musikuniversität sind die Studierenden immer mehr Frauen. Und interessanterweise werden in unserem Institut bei den Aufnahmeprüfungen proportional mehr Frauen aufgenommen als Männer. Was vielleicht damit zu tun hat, dass die Frauen, wenn sie sich bewerben, oftmals besser vorbereitet sind und sich überzeugender präsentieren. Ich kann jetzt nicht sagen, ob Frauen anders komponieren als Männer. Ich noch nie verstanden, wie man sowas behaupten kann! In meiner Erfahrung ist jede/r ganz unterschiedlich und individuell anders.

Irene Kurka: Nein, das glaube ich auch nicht. Aber es ist trotzdem die Frage, ob das für die schon alles natürlicher ist oder ob es irgendwie schwieriger oder einfacher ist, an dann einen Auftrag zu kommen oder wie sich das dann sonst so weiterentwickelt.

Karlheinz Essl: Was Aufträge anlangt werden Frauen heutzutage oftmals zu Recht bevorzugt. Es gibt eigene Aufträge, die sich nur an Frauen richten, sodass Frauen heute mehr Chancen haben und auch gefördert werden.


Zeitmanagment

Irene Kurka: Was mich jetzt interessiert, ist, wir haben schon gehört, was du alles Unterschiedliches machst, du schreibst natürlich deine eigenen Stücke, du bist aktiv, du trittst auf, kuratierst und lehrst. Wie kriegst du das alles unter einen Hut? Hast du eine Form von Zeitmanagement, hast du Tipps, hast du Rituale?

Karlheinz Essl: Ja, das ist natürlich schwierig! Der Uni-Job frisst mich manchmal schon auf. Neben dem Unterrichten habe ich als stellvertretender Institutsleiter auch Verwaltungsaufgaben zu erledigen. Und unser Institut ist sehr, sehr groß! Das gibt es nicht nur die Komponist:innen, sondern auch die Tonmeister. Da fällt viel Arbeit an, für die ich eigentlich nicht ausgebildet worden bin. Meine Kinder sind mittlerweile erwachsen, das heißt, da bin ich insofern freigespielt, dass ich jetzt keine kleinen Jungs mehr beschäftigen und zu versorgen habe. In meinem Lebensalter, ich bin jetzt Anfang 60, ist das natürlich bereits erledigt. Und das Kuratieren von Konzerten, wie ich es früher gemacht habe, habe ich bereits aufgegeben. Denn irgendwann muss man sich auch mal konzentrieren und sagen, alles kann man nicht auf einmal machen. Das heißt, mein Fokus liegt jetzt verstärkt im Unterrichten und Komponieren. Und das Performen, was ich früher so viel gemacht habe, auch im Bereich der freien Improvisation, habe ich jetzt wieder zurückgefahren, weil ich das einfach nicht mehr schaffe. Das habe ich 20 Jahre lang betrieben, das hat mich auch als Komponist unglaublich inspiriert und ich habe wahnsinnig viel gelernt, als ich ständig herumgereist bin und alle möglichen Gigs gespielt habe.

Irene Kurka: Aber es klingt, dass du sehr, sehr klar bist und dann auch weißt scheinbar, wann man auch etwas abstoßen muss oder loslassen muss, um sich dann auf wesentliche Teile wieder zu konzentrieren, damit es da gut weitergeht. Und man sich auch nicht verzettelt vielleicht.

Karlheinz Essl: Ja, ja, das habe ich lernen müssen! Es ist nicht leicht, „nein” zu sagen. Das ist die schwierigste…

Irene Kurka: Das ist sehr schwierig.

Karlheinz Essl: „Nein” ist das schwierigste Wort überhaupt. Aber ich habe auch verstanden, dass wenn man rechtzeitig Nein sagt, und zwar in einer ganz klaren und freundlichen Weise, dass es einem selbst besser geht, aber dass man seinem Gegenüber auch kommuniziert, dass man nicht alles machen kann. Denn ich habe nur ein Leben und ich möchte dieses Leben nach Möglichkeit mit Freude ausfüllen und mich nicht auffressen lassen. Früher habe ich mich wirklich verbrannt, und ich habe lernen müssen, dass das nicht alles in jeder Lebensphase sinnvoll ist. Das kann man vielleicht machen, wenn man 30 ist, aber mit 60 geht das nicht mehr. Und ich bin jetzt mehr fokussiert und konzentriert auf etwas, was auch gewisse Sachen naturgemäß ausschließt.


Dankbarkeit

Irene Kurka: Und wofür bist du derzeit dankbar?

Karlheinz Essl: Ich bin dankbar, dass ich die Möglichkeiten habe, meine Ideen auszuführen, aber auch weiterzugeben. Und dass ich ein sehr liebevolles Umfeld habe, in meiner Familie und in meinem Freundeskreis, das mich auch unterstützt und begleitet. Ich bin nicht alleine und habe Leute um mich, aber ich brauche natürlich auch immer wieder die Zeit des Konzentration, des Alleinseins, des Arbeitens. Und das muss ich mir auch immer gut einteilen. Ich kann nicht jeden Tag komponieren, das ist völlig ausgeschlossen, und während des Studienbetriebs geht das überhaupt nicht. Aber es gibt natürlich immer wieder Phasen, wo es wieder möglich ist und wo ich mich dann auch entsprechend zurückziehe, um dann ganz konzentriert an einer Sache zu arbeiten. Und das geht dann auch relativ schnell. Bei dieser Kollektivkomposition TAU, von der ich vorher gesprochen hatte, war das ganz anders. Das war wirklich über ein ganzes Jahr lang Komposition in kleinen Dosen. Es sind immer wieder Stücke entstanden, die sich dann zu einem großen Ganzen zusammengefügt haben. Das war eine ziemliche Herausforderung, wenn man innerhalb einer Woche zwei Minuten Musik schreiben muss, damit das Werkl nicht ins Stocken gerät. Da hat niemand gefragt, ob ich da gerade eine Berufungskommission habe oder selber ein Konzert spiele. Und diese Challenge, dieser Zwang, hat mich dann letztlich auch beflügelt, Dinge zu machen, die ich sonst wahrscheinlich nicht geschafft hätte.

Irene Kurka: Was bedeutet es für dich, sich treu und authentisch zu sein in dem, was ich Musikbusiness nenne? Und wie gelingt dir das?

Karlheinz Essl: Das müssten andere beurteilen. Aber ich möchte niemandem was vorspielen, dass ich irgendwas Besonderes bin oder mehr scheine als ich tatsächlich bin. Das Wichtige ist, dass man das, was man wirklich kann und weiß und fühlt, klar ausdrückt. Aber gleichzeitig finde ich auch wichtig, Demut zu haben. Sich nicht über andere erheben und sie verdrängen. Ich habe immer versucht, auch in Kooperationsprojekten, die ich schon so lange mache, dass immer alle davon etwas haben, ich war immer am Mehrwert interessiert. Denn wen man so zusammenarbeitet ensteht immer mehr als die Summe der Teile. Deswegen habe ich vor einigen Jahren ein Kollektiv mit einer Tänzerin und einem bildenden Künstler gegründet, das nennt sich W.A.L.Z – „Wir arbeiten lieber zusammen”. Dieses Kollektiv hat mittlerweile die verschiedensten Projekte gemacht. Ende 2020 nach dem Lockdown, als wieder öffentliche Aufführungen möglich waren, haben wir eine Tanzperformance gemacht mit elektronischer Livemusik, die Gott sei Dank vor Publikum stattfinden konnte. An diesem Projekt haben wir zwei Jahre gearbeitet, und die Premiere musste wegen Corona dreimal verschoben werden. Wir hatten zwar das Theater und die Finanzierung, aber wir durften nicht spielen. Und irgendwann war es plötzlich doch möglich. Es war auch so schön, weil das Stück eben gemeinsam entstanden ist. Und die Idee war, die sonst übliche Arbeitsteilung – der Komponist macht die Musik, die Tänzerin die Choreografie und der bildende Künstler kümmert sich um die Inszenierung – aufzulösen, so dass alles ineinandergeflossen ist. Die Tänzerin wurde selber zur Musikerin. Ich habe ihr Instrumente gegeben, die sie spielen kann, eine Shrutibox zum Beispiel.

Irene Kurka: Ja, das habe ich gesehen, weil ich auch mit der Shrutibox arbeite.

Karlheinz Essl: Und eine Ocean Drum. Und ich habe ihr gezeigt, was man alles mit der Stimme machen kann. Andrea Nagl, unsere Tänzerin und Choreografin, ist unglaublich musikalisch und als Tänzerin wahnsinnig präsent und rhythmisch sattelfest. Was sie dann mit ihrer Stimme gemacht hat, das war kein Singen klassischen Sinn, sondern eine Improvisation mit Extended Vocal Techniques. Das hat sie einfach großartig gemacht! Und da ist sie aus der Rolle einer Tänzerin, die zur Musik tanzt, zu einer Performerin geworden, die die Instrumente selbst spielt, und zu dieser Musik, die über den Computer weitertransformiert wird, auch noch als Tänzerin agiert. Eine solche Zusammenarbeit hatte ich vorher noch nie gemacht! Das war wirklich toll, weil sich hier die Grenzen aufgelöst haben: wer ist Komponist, wer ist Musikerin, wer tanzt? Denn im Grunde tanze ich auch, wenn ich auf der Bühne stehe.


W.A.L.Z. Performance Collective
OFF-Theater Wien, 18.12.2022


Erfolg

Irene Kurka: Aber es ist auch dann so eine Offenheit, die die Beteiligten brauchen, und auch dieses Vertrauen, dass die anderen quasi das auch können, was vielleicht eigentlich meine Domäne ist und so, und das dann auch loslassen zu können. Aber du sagst, dann entsteht wieder was Neues. Das ist echt gut. Was bedeutet für dich Erfolg?

Karlheinz Essl: Ich weiß nicht, was Erfolg ist. Dieses Wort hat für mich überhaupt keine Bedeutung. Ob man jetzt viele Aufführungen hat und viele Kompositionsaufträge bekommt, ist für mich nicht relevant. Für mich ist es wichtig, mit Menschen zu arbeiten, Menschen mit Musik zu konfrontieren und glücklich zu machen, auch wenn das jetzt keine weichgespülte Wohlfühlmusik ist. Aber Erfolg ist keine Kategorie, die in meinem Leben eine Rolle spielt. Das sagt mir nichts. Damit weiß ich nichts anzufangen.


Tipps

Irene Kurka: Wir sind jetzt tatsächlich bei der letzten Frage angekommen. Und da möchte ich von dir wissen: Welchen Tipp möchtest du gerne jungen Künstlern und Künstlerinnen geben?

Karlheinz Essl: Im Bereich von Komposition waren in den letzten 100 Jahren die Komponist:innen Einzelkämpfer:innen, die oftmals im Elfenbeinturm agiert haben, in „splended isolation”, und dort an ihren unsterblichen Partituren gefeilt haben. Gekämpft haben sie für Aufträge und Aufführungen, in starker Konkurrenz zueinander. Ich versuche, meinen Studierenden ganz konkret mitzugeben, dass man zusammenarbeiten muss, auch als Komponist:in. Dass man durch gemeinsames künstlerisches Tun voneinander lernen kann. Dieses kooperative Handeln erscheint mir heute ganz, ganz wichtig. Und mit Hilfe von Computern und Elektronik lassen sich solche Dinge auch wirklich gut realisieren, weil wir es neue Möglichkeiten gibt, unterschiedlichen Klangwelten oder Ideen miteinander in Verbindung zu bringen. Also das wäre vielleicht mein Auftrag: Sucht euch Leute, macht was gemeinsam und geht woanders hin! Arbeitet mit Tänzer:innen und Literat:innen oder lernt kochen, macht etwas außerhalb eures engen Elfenbeinturms!


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Kochen

Karlheinz Essl: Kochen ist überhaupt eine sehr gute Schule fürs Komponieren!

Irene Kurka: Das Abschmecken und die guten Zusammenmischungen von Gewürzen?

Karlheinz Essl: Das kommt erst am Schluss. Viel wichtiger ist die Frage des Materials, das man sich erst einmal organisieren muss. Das heißt jetzt nicht, dass man in den Supermarkt geht und sich eine Dose Fastfood kauft und zu Hause aufwärmt, sondern dass man die richtigen Zutaten findet und dass man lernt, wie man diese vorbereitet, wie man sie schneidet. Darin sind die Chinesen absolute Meister! In der chinesischen Kochkunst muss man zunächst lernen, mit welchen Messer man welche Schnitte setzt und in welche Formen man Gemüse schneiden kann. Wir kennen bei uns bloß Scheiben, Streifen oder Würfel. Aber die Chinesen wissen zum Beispiel, dass man Frühlingszwiebeln in Pferdeohren-Form schneiden muss. Das finde ich total faszinierend! Das hat mit Komponieren ursächlich zu tun: ich suche mir meine Materialien und beginne, sie vorzuformen, im Sinne von pre-composition! Dabei werden die Materialien mittels handwerklicher Techniken, aber auch durch Inspiration, zu etwas Gestaltetem, und am Schluss kann ich sie dann erst miteinander in Verbindung bringen, indem sie mit Hitze oder mit verschiedenen Flüssigkeiten oder Gewürzen in Kontakt gebracht werden. Und dann entsteht die „alchymische Hochzeit”, dieser wunderbare Verwandlungsprozess, wo die Substanzen ineinanderfließen und etwas Gemeinsames, etwas Neues, ergeben.

Ich würde gerne mal so einen Workshop über mit Kochen und Komponieren machen! Das wäre wirklich spannend. Diese Idee habe ich schon lange, aber ich brauche da Leute, die darauf anspringen. Vielleicht ergibt es sich ja einmal…

Irene Kurka: Schauen wir mal, ob dich ein paar Hörer oder Hörerinnen ansprechen werden.

Karlheinz Essl: Interessant ist, dass es im Bereich der bildenden Kunst sowas schon gegeben hat. Der Experimentalfilmer Peter Kubelka, der am Städel in Frankfurt wirkte, hat dort künstlerisches Kochen unterrichtet. Ich habe selbst Performances von ihm gesehen, wo er seine Experimentalfilme aus den 1950er und 1960er Jahren gezeigt und auf der Bühne gekocht hat. Und dazwischen spielte er mit seinem Ensemble mittelalterliche Musik. Das war für mich eine absolute Sensation! Kubelka hat in Wien das Filmmuseum gegründet, das heute in der berühmten Albertina untergebracht ist. Dort ließ er einen Kinosaal ganz nach seinen Vorstellungen bauen: eine Blackbox, wo du nichts siehst, was dich ablenkt. Es gibt dort eine Bühne, aber kein Cola und kein Popcorn. Die Besucher:innen des Filmmuseum verhalten sich so wie Menschen, die in ein klassisches Konzert gehen.

Irene Kurka: Sehr spannend! Ich habe schon das Gefühl, wir könnten wahrscheinlich noch zwei weitere Stunden reden, wir haben noch so viele schöne Themen. Ich sag auf jeden Fall vielen, vielen Dank, dass du dir heute die Zeit für mich genommen hast und uns so viel schon erzählt hast. Ich denke, es lohnt sich auf jeden Fall, sich deine Webseite und alles, was du so machst, anzuschauen. Vielen, vielen Dank!

Karlheinz Essl: Liebe Irene, danke! Das war wirklich ein schönes Gespräch. Du hast mich inspiriert, über Dinge zu sprechen, die ich in dieser Form vielleicht noch nie gesagt habe.



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Updated: 14 Apr 2022

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