Portrait

Karlheinz Essl

Garland to Koenig


In Loving Memory of Gottfried Michael Koenig
1926 - 2021

Koenig-EM_2014

Gottfried Michael Koenig at Essl Museum, Klosterneuburg
Photo © 2014 by Karlheinz Essl


In Conversation with Gottfried Michael Koenig

On 1 July 2014, I had a conversation with the pioneer of electronic and algorithmic music Gottfried Michael Koenig (1925-2021) about his compositional work. Starting with Koenig's work cycle Funktionen (1967-1969) and the "variable function generator" used in it, Koenig explained his idea of sound types and the algorithmic design of sound progressions in the voltage-controlled analogue studio. We also talked about his electronic composition Essay (1957) and the digital Marco Gasperini's reinterpretation (2010) of the original score published by Universal Edition (Vienna), as well as the handwritten analysis of this work by Helmut Lachenmann. Finally, Koenig spoke about his interest in music notation and his early experiences with mechanical music typewriters, which later found their way into the development of his own notation programme.


Studio kHz, 1.7.2014


Zum 85. Geburtstag von Gottfried Michael Koenig

Vor 25 Jahren veränderte die Begegnung mit Gottfried Michael Koenigs Streichquartett 1959 mein musikalisches Weltbild. Fasziniert von diesem fremden, irgendwie aber auch vertraut wirkenden Werk wandte ich mich hilfesuchend an den Komponisten. Denn mit meinem analytischen Instrumentarium, das an Webern geschärft war, kam ich hier nicht weiter. In einem langen Briefwechsel gewährte mir Koenig tiefe Einblicke in sein kompositorisches Denken, das Ernst machte mit der radikalen Forderung nach einer Musik, die sich weder auf historische Modelle noch auf klangliche Vorstellungen stützt, sondern gleichsam synthetisch aus der Kraft der Konstruktion erwächst. Paradoxerweise war es aber zunächst gerade jener "musikantische" Aspekt, der mich an Koenigs Streichquartett faszinierte, auch wenn sich dieser - "malgré lui" - aufgrund klug disponierter Algorithmen ergab. Die Dialektik zwischen Zufall und Notwendigkeit wird hier mit höchster Kunstfertigkeit zelebriert und darüber hinaus zu einem Modell dafür, was Musik sein kann: klanggewordene Utopie aus dem Geist der Abstraktion.

in: signale 0100, hrsg. von Gerhard Eckel und Gerriet K. Sharma, Institut für Elektronische Musik der Kunstuniversität Graz
© 2011 by Karlheinz Essl


Masterclass Gottfried Michael Koenig on Algorithmic Composition
Institut of Electronic Musik, KUG Graz (17 Dec 2011)
Video: Karlheinz Essl



Zum 95. Geburtstag von Gottfried Michael Koenig

Lieber Mick,

als ich dich 1986 kennenlernte ahnte ich nicht, wie wichtig du für mich einmal werden solltest – und welche künstlerischen Impulse ich durch dich bekommen würde!

Lebhaft erinnere ich mich an die Begegnung mit deinem Streichquartett 1959, dessen Partitur ich in der Bibliothek des Instituut voor Sonologie in der Utrechter Plompetorengracht gefunden hatte. Die Aufnahme dieses Stücks mit dem Lasalle Quartett hat mich nachhaltig beeindruckt und in mir den Wunsch geweckt, mich näher mit deiner Komposition zu beschäftigen. Die ersten analytischen Versuche schlugen jedoch fehl. Mein an Webern und Berg geschultes Instrumentarium wollte nicht so recht greifen. In meiner Ratlosigkeit schrieb ich dir einen Brief, in dem ich dich um "prinzipielle Hilfestellungen" bat. Deine Antwort kam postwendend und eröffnete mir faszinierende Einblicke in dein kompositorisches Denken, das mich fortan begleiten sollte. Durch dich wurde ich auf den Zufall aufmerksam und in die Prinzipien des algorithmischen Denkens eingeweiht. Meine Analyse deines Quartetts, die später in dem dir gewidmeten Musik-Konzepte Band 66 (1989) erschienen ist, wäre ohne deine Inputs niemals zustande gekommen.

Näher kennengelernt haben wir uns im Mühlviertel, wo du mit deiner lieben Ruth Sommerurlaub machtest und ich dich mit Eva und meinem Freund Gerhard Eckel einmal besuchte. Erinnerst du dich noch an den Kaiserschmarren, den ich dort für euch gebacken habe? Ich hatte sowas vorher noch nie gemacht...

Die Kompositionssoftware PR3, eine Fortführung von PR1 und PR2, wolltest du in Zusammenarbeit mit anderen entwickeln. Im April 1988 hattest du uns dafür nach Arnhem zu einem ersten Treffen geladen: Dirk Reith und Thomas Neuhaus (Essen), Gerhard Eckel (Paris), Ramón González-Arroyo (Madrid), Serge Verstockt (Antwerpen), Wim Vree (Hilversum) und mich. Es kam zu weiteren Treffen, unter anderem auch in unserer Wohnung in Wien. Unzählige Ideen wurden da gesponnen, so manches Neuland anvisiert, vieles aber auch verworfen – nachzulesen in den internen PR3 NEWSLETTERS, wo teilweise heftig und schonungslos diskutiert und gestritten wurde. Auch wenn diese Projekt nie realisiert wurde, hat doch jeder von uns in irgendeiner Weise sein eigenes PR3 zusammengehackt, das – bei aller Unterschiedlichkeit – von deinem Geist inspiriert ist.

Es erfüllt mich mit großer Dankbarkeit und Freude, dass wir seit nunmehr 35 Jahren miteinander verbunden sind. Ich danke dir für all das, was ich durch dich erfahren durfte und das Neuland, in das du mich geführt hast. Obwohl ich offiziell nie dein Schüler war, habe ich von dir ganz Wesentliches gelernt!

In Liebe und Dankbarkeit,
Dein Carlo

Klosterneuburg, am 7. September 2021

in: programme book for the Concert for Gottfried Michael Koenig’s 95th Birthday,
ed. by Kees Tazelaar, Institute of Sonology at the Royal Conservatoire Den Haag
© 2021 by Karlheinz Essl



Karlheinz Essl über Gottfried Michael Koenig

Karlheinz Essl: Mir hat Koenig, als ich ihn Mitte der 1980er Jahre in Utrecht kennenlernte, eine ganz neue Welt eröffnet: Nämlich die Idee, dass Musik nicht aus der Vorstellung entsteht, die man verfeinert und abschreibt, sondern dass man auf eine ganz andere Abstraktionsebene geht und sich Musik als etwas Visionäres denkt, das erst in einem vielstufigen Prozess zu einer konkreten klanglichen Form wird.

Franz Josef Kerstinger: Der Komponist Karlheinz Essl über seine Begegnung mit Gottfried Michael Koenig und dessen Einfluss auf sein Schaffen.

Karlheinz Essl: Für mich sehr wichtig war Koenigs Streichquartett 1959, das ich damals analysiert habe und wo er mir auch geholfen hat, indem wir einen sehr langen Briefwechsel über dieses Stück geführt haben, der mir viele neue Erkenntnisse geliefert hat. Dies hat mich schließlich zu dem Feld der Computer-Aided Composition geführt, auf dem ich sehr viel gearbeitet habe, ausgehend von Vorstellungen, die Koenig in den 1950er und 1960er Jahren entwickelt hat: Musik als eine Art Modell zu denken und auch zu konstruieren - und aus diesem Modell heraus verschiedenste Varianten des selben kompositorischen Konzepts zu verwirklichen.

Franz Josef Kerstinger: Das Schlußwort hat Karlheinz Essl.

Karlheinz Essl: Was Koenig mit und vielen anderen Komponisten und KomponistInnen auf dieser Welt bedeutet ist nicht nur seine Musik (es gibt nicht so wahnsinnig viele Stücke, die er geschrieben hat), sondern eine ganz spezifische Zugangsweise zum musikalischen Denken, die sehr in die Tiefe geht und sehr viel mit dem Versuch zu tun hat, eine kompositorische Vorstellung als rationales Moment zu begreifen - was ein gewisser Widerspruch ist. Aber genau dieser Widerspruch ist es, der uns - die wir Koenig lieben und schätzen - letztlich zu immer neuen künstlerischen Höhenflügen gebracht hat.


Zeit-Ton: Gottfried Michael Koenig
Gestaltung: Franz Josef Kerstinger
Ö1, 20 Dezember 2011




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Updated: 17 Jan 2022

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