K.O.P.F. - Kartografisch Orientierte Passagen Fragmente

KUNSTRADIO-Sendung über das radiophones Kunstkopf-Hörstück
von Karlheinz Essl und Erwin Uhrmann

Erstsendung: Sonntag 24.10.2021, 23:00 - 00:00 Uhr
ORF Kunstradio, Gestaltung: Hans Groiss

oe1-radio-new


Listen with headphones to enjoy the immersive 3D sound worlds!

headphones



Gleich zu Beginn eine Handlungsanweisung: Hören Sie die heutige Radiokunst am Besten mit Kopfhörern. Sie erfahren im Laufe der Sendung warum.

Guten Abend beim Kunstradio wünscht Hans Groiss. Heute beschäftigen wir uns mit dem Kopf. Konkreter mit dem Projekt K.O.P.F. von Karlheinz Essl und Erwin Uhrmann. K.O.P.F. ist eine musikalisch-lyrische Zusammenarbeit basierend auf Essls seit 2018 entstehender Klangarbeit H.E.A.D. Der Komponist hat dabei mittels Kunstkopf-Stereophonie Soundscapes an speziellen Orten aufgenommen. Der englische Begriff Soundscape bezeichnet übrigens die akustische Prägung und Ausgestaltung bestimmter Orte, zum Beispiel die individuellen akustischen Räume oder Klanglandschaften von Biotopen oder Städten. Aus den aufgenommenen Soundscapes von Karlheinz Essl entstanden Kompositionen. Der Autor Erwin Uhrmann hat zu 8 dieser Kompositionen lyrische Texte verfasst und diese selbst eingesprochen. In den Stücken D.U.N.A., D.Y.J.E., G.R.A.Z., L.U.N.Z., M.E.A.L., R.E.T.Z., R.I.D.E. und S.I.L.L. werden die Atmosphären des Donaudeltas, die Landschaft an der Thaya, das Grazer Stadtzentrum, Lunz am See, ein Gasthaus in Riedenthal, das Umland von Retz, vier Attraktionen im Prater und Anton Weberns Sterbeort Mittersill poetisch lebendig gemacht. Die Titel bezeichnen den Ort und sind gleichzeitig Akronyme, die die Fantasie der Zuhörer herausfordern sollen. K.O.P.F. ist übrigens auch ein Akroynm für Kartografisch Orientierte Passagen Fragmente. Aber bleiben wir nicht lange bei der Theorie und gehen wir zum Audiblen über und hören ein erstes Stück von Vieren, die Sie heute erleben können: D.U.N.A.


D.U.N.A.
Diluted Units Of Natural Atmosphere
© Karlheinz Essl & Erwin Uhrmann


D.U.N.A., ein Stück des Klangkunstwerkes K.O.P.F. von Karlheinz Essl und Erwin Uhrmann. Zum Projekt K.O.P.F. ist im Limbus-Verlag ein Buch mit Bildern, QR-Codes und beigelegter CD erschienen. „Dieses Buch funktioniert anders, als man es von den meisten Büchern gewohnt ist. Es spielt mit der Wahrnehmung. Sie können es lesen, es anhören und es erleben, so als ob sie mitten im Geschehen wären. Wie geht das? Am Besten wir beginnen mit der Wahrnehmung.“ schreiben die beiden Autoren Karlheinz Essl und Erwin Uhrmann. „Angenommen Sie würden sich auf eine Parkbank setzen und eine zeitlang nichts anderes tun als konzentriert der Umgebung zu lauschen. Was würde geschehen? Irgendwann würden Sie beginnen aus dem bunten Geräuschteppich einzelne Klänge herauszufiltern. Sie würden viel mehr hören als sonst, möglicherweise Klänge, die Ihnen vorher im Park noch nie aufgefallen sind. Zum Beispiel das Geräusch, das entsteht, wenn ein Hund sich Wasser aus dem Fell schüttelt. Das Scharren im Kies, wenn ein Kinderwagen hindurch geschoben wird. Das Öffnen einer Getränkedose in einer Runde picknickender Menschen. Und, obwohl Sie vermutlich kein ornithologisches Studium abgeschlossen haben, könnten Sie nach einiger Zeit mehrere Vogelstimmen voneinander unterscheiden. Überdies würden Sie plötzlich darauf achten, aus welcher Richtung sich ein spezieller Klang nähert.“ Bei der Buchpräsentation am 13. Oktober im Literaturhaus Wien erzählten die beiden Künstler in einem Interview mit Elisabeth Zimmermann mehr über das Projekt K.O.P.F.


Making of K.O.P.F. - Teil 1
Karlheinz Essl und Erwin Uhrmann im Gespräch mit Elisabeth Zimmermann
© Literaturhaus Wien (Video: Su Luschin, Ton: Christoph Amann)


Elisabeth Zimmermann: Weil heute schon so viel von Akronymen gesprochen wurde, können wir gleich zu Anfang vielleicht drei Akronyme klären. Nämlich H.E.A.D., K.O.P.F. und D.U.N.A. Vielleicht fängst du an, Karlheinz, weil H.E.A.D. ja aus deinem Head kommt?

Karlheinz Essl: Also Akronyme, das ist ja bekannt, sind diese aus Anfangsbuchstaben zusammengefügte Worte. Wenn man die Buchstaben H.E.A.D. auflöst ergibt sich: "Hearing Entirely Artificial Dreams". Das ist der Titel einer ganzen Serie von Soundscape-Kompositionen, die ich seit 2018 mit einem ganzen speziellen Aufnahmeverfahren mache. Ich gehe da an besondere Orte, in die Natur, in Landschaften, in Städte, in Räume und kann mit diesen Spezial-Mikrofonen, die in meinen Ohren stecken, Klänge so aufnehmen, wie ich sie höre. Das Besondere ist, dass wenn man das Ganze dann später mit Kopfhörern abhört klingt es genau so, wie ich es gehört habe. Das heißt total räumlich und dreidimensional, ganz anders als wenn man eine normale Stereo-Produktion mit Kopfhörern hört. Da fehlt einfach diese ganze Tiefendimension. Bei sogenannten binauralen Aufnahmen kann der 3D-Raum, der heute auch wieder bei Dolby Atmos ein Thema ist, über eine ganz einfache Technologie über Kopfhörer hörbar gemacht werden.

EZ: Und wie hängt jetzt K.O.P.F., wo es auch dieses schöne Buch mit CD und QR-Codes zum Abrufen gibt, mit H.E.A.D. zusammen?

KHE: H.E.A.D. ist ein work-in-progress, das mittlerweile aus 48 Kompositionen besteht. Nachdem ich ein Jahr mit diesen Dingen experimentiert habe, habe ich meinem Freund Erwin Uhrmann einige dieser Tracks geschickt und ihn gefragt, ob er sich vorstellen kann dazu Texte zu schreiben. Und das hat er auch getan. Erzähl doch mal, wie der Prozess war, Erwin.

Erwin Uhrmann: Der Prozess war interessant, weil ich anfangs versucht habe, auf diese Soundscapes einzugehen und die Sache viel zu prosaisch angegangen bin. Ich habe dann einen Text geliefert, der erschlagend zu viel war. So hat es sich ergeben, dass dieses Projekt ein Arbeitsprozess geworden ist, wo wir in einem sehr intensiven Austausch experimentiert haben. Die Texte sind dann mit der Zeit konzeptueller geworden.

KHE: Bei den ersten Texten, die ich bekommen habe war es für mich nicht vorstellbar, dass die mit den Soundscapes zusammengehen. Sie müssen ganz locker, offen und spärlich sein und viel Raum lassen. Das heißt die Form ist eigentlich nicht Prosa, sondern Lyrik. Und zur gleichen Zeit sind wir auf dieses Internet-Phänomen des ASMR gestoßen: Autonomous Sensory Meridian Response. Das ist ein Phänomen, das entsteht, wenn man sehr kleine, feine, zarte, intime Geräusche hört. Zum Beispiel wenn sich jemand die Haare kämmt oder mit einer Gabel ganz langsam über das Mikrofon kratzt. Es gibt Leute, die damit fast therapeutische Klangarbeiten machen, damit man beispielsweise besser einschlafen kann. Irgendwie hat uns diese Art von Zugang gefallen, um auch mit der Stimme zu arbeiten. Mit ganz leisen, ruhigen, unaffektierten Tönen. Der Erwin ist ja ein super Performer, aber er hat auch diese feinen Töne, weil er ein stiller und ruhiger Mensch ist. Das hat mir für unser Projekt gefallen. Ich habe gesagt: „Machen wir was ganz feines, leichtes, lockeres“ und der Erwin ist sofort darauf eingegangen und hat diese Texte geschrieben. Dann wollte ich einmal hören, wie das klingt und er hat sie auf seinem iPhone aufgenommen und mir geschickt. Ich habe sie dann probeweise über die Soundscapes gelegt und gemerkt, dass ich das Stück komplett umarbeiten muss. Das heißt durch den Text und die Sprache ist die Komposition noch einmal komplett neu aufgedröselt worden.

Hans Groiss: Schuldig geblieben sind die Künstler Essl und Uhrmann die Auflösung des Akronyms D.U.N.A.: Diluted Units of Natural Atmosphere, aufgenommen von Karlheinz Essl im Donau-Delta. Gehen wir später in dieser Sendung wieder zur Buchpräsentation im Literaturhaus Wien und hören jetzt ein weiteres Stück des Projektes K.O.P.F.: L.U.N.Z.


L.U.N.Z.
Lazy Unicorns Nibble Zealously
© Karlheinz Essl & Erwin Uhrmann


HG: L.U.N.Z., ein Stück des Klangkunstwerkes K.O.P.F. von Karlheinz Essl und Erwin Uhrmann. Am Besten zu hören über Kopfhörer, so können Sie sich in den Kopf des Künstlers hören. L.U.N.Z. ist ein Akronym für "Lazy Unicorns Nibble Zealously" und die Aufnahmen dazu entstanden beim Mittersee, beim Seehof, bei einer Kanufahrt und beim Schwimmen, alles in der Gegend von Lunz am See in Niederösterreich. Die Zahl 4 zieht sich durch das Projekt K.O.P.F.. Darüber und über anderes sprach Elisabeth Zimmermann bei Buchpräsentation zum Kunstprojekt im Literaturhaus Wien am 13. Oktober mit Erwin Uhrmann und Karlheinz Essl.

EZ: Gehst du im Text auch auf Dinge ein, die man in der Soundscape hören kann? Es ist ja nicht nur um eine einzige Soundscape, sondern vier verschiedene vom gleichen Ort. Wie gehst du mit den Soundscapes um?

EU: Im Buch gibt es vor jedem lyrischen Text zur Soundscape immer einen Teil mit Notizen. Karlheinz hat immer Notizen und ein Foto pro Soundscape gemacht. Um das noch einmal zu erklären: Er war zum Beispiel im Donau-Delta, hat dort an vier Orten Soundscapes mit seiner speziellen Methode aufgenommen und die sind dann das Basis-Material geworden. Für mich hat es viele Ebenen gegeben: Ich konnte mich auf das, was ich höre beziehen, ich konnte mich auf eine visuelle Ebene beziehen, auf das Foto und auf die Notizen. Das Ungewöhnliche war, dass für mich eine Art Erinnerung entstanden ist, von Dingen, die ich gar nicht selber erlebt habe. Der Sound ist für mich beim Schreiben das Wichtigste gewesen. Da sind Gespräche aufgenommen worden, wo man ein rumänisches Paar hört oder einen tschechischen Dialog, der sanft hineinspielt. Der Klang ist schon wichtig gewesen, aber ich konnte natürlich nicht wissen, was die Leute reden. Das ist aber auch nicht wichtig gewesen.

EZ: Es ist auffällig, dass die Titel alle aus vier Buchstaben bestehen.

KHE: Weil es vier Soundscapes und viel Himmelsrichtungen gibt. Und weil der zweidimensionale Raum vier Ecken hat, an denen die vier Soundscapes konzeptionell angeordnet sind. Es gibt vier Klangwelten, die sich in den vier Ecken eines karthesischen Raumes befinden und in die Mitte strahlen. Ich bewege mich wie ein Fliege zufällig in diesem Raum und komme von einem zum anderen, wodurch diese unglaublich spannenden Mischungen entstehen. Dieses langsame Übergleiten von einer Realität in die andere, so dass man es kaum merkt.

EZ: Und dann hast du natürlich auch Orte ausgesucht, wie Wien, Graz und Retz, die auch nur vier Buchstaben haben.

KHE: Genau. Zunächst habe ich mir gedacht, dass ich ein Städteportrait mache. Was gibt es in Österreich für Orte mit vier Buchstaben, gut erreichbar von Klosterneuburg? Da war Graz natürlich sofort an erster Stelle und das ist auch das erste Stück: G.R.A.Z.: Generic Research on Ambient Zones, also fast aufgelegt. Dann bin ich kurze Zeit später mit Simon nach Lunz gefahren, weil Lukas dort lebt und weil es dort den wunderbaren Mittersee gibt. Dort haben wir Lukas zufälligerweise getroffen, wie er mit dem Rad an uns vorbeigefahren ist und das hört man dann auch auf der Aufnahme. Zur gleichen Zeit hat es gedonnert und geblitzt und ein Abfangjäger des Bundesheeres ist über uns geflogen. Das sind alles Zufallsaufnahmen gewesen, die Geschenke des Himmels waren. Das hat natürlich dann auch Eingang gefunden. Dann natürlich auch Linz. Später kam Retz dazu und dann sind mir die Orte so langsam ausgegangen. Dann habe ich zum Beispiel S.A.L.Z. gemacht, für Salzburg und S.I.L.L. für Mittersill. Wien gibt es natürlich und Oslo, also auch Orte außerhalb von Österreich. Es gibt aber nicht nur Landschaften, sondern auch Aktionen und Tätigkeiten, wie zum Beispiel den Wiener Prater, wo ich einige der Attraktionen wie die Geisterbahn aufgenommen habe. Die klingt viel toller, als sie wirkt, weil sie eigentlich unglaublich langweilig ist. Dann natürlich die ganz alte Hochschaubahn, da sitzt meine Frau neben mir und kreischt die ganze Zeit. Da ist dann R.I.D.E. rausgekommen. Das sind die verschiedenen Themenfelder, die da entstanden sind.

HG: Als nächstes hören wir M.E.A.L.: Meeting Eva At Lunch. Danach erfahren wir Sie, was das bedeutet und welche Eva das sein könnte. Soviel sei verraten: Es ist eine Person aus dem Literaturbetrieb.


M.E.A.L.
Meeting Eva At Lunch
© Karlheinz Essl & Erwin Uhrmann


EZ: Vielleicht wollt ihr aufklären, wo M.E.A.L. aufgenommen wurde und um welche Eva es sich handelt?


Making of K.O.P.F. - Teil 2
Karlheinz Essl und Erwin Uhrmann im Gespräch mit Elisabeth Zimmermann
© Literaturhaus Wien (Video: Su Luschin, Ton: Christoph Amann)


KHE: Vieles von diesen Stücken verdankt sich dem Zufall. Ich bewege mich gerne mit dem Fahrrad durch die Landschaft, weil man so relativ schnell wo hinkommt, aber auch nicht allzu schnell. Es ist besser als Autofahren, aber auch besser als Gehen. So bin ich einmal mit dem Fahrrad in die Nähe von Wolkersdorf gekommen, nach Riedenthal. Dort gibt es eines meiner Lieblingsrestaurants, die Alte Schule von Manfred Buchinger. Er war früher Spitzenkoch in Wien, in einem tollen Hotel auf der Kärntnerstraße, und hat den Stress in der Spitzengastronomie irgendwann nicht mehr ausgehalten. Er hat sich dann eine alte Schule am Land gekauft und dort eine Villa Kunterbunt eingerichtet. Das ist ein Gasthaus, wo er kocht wie er will. Die Autorin Eva Rossmann ist dort Sous-Chefin. Sie wollte unbedingt kochen lernen und hat vor langer Zeit Manfred Buchinger gefragt, ob er sie als Köchin einstellt. Sie ist aber eigentlich promovierte Juristin und erfolgreiche Romanschriftstellerin. Und jetzt kocht sie beim Buchinger. Wir kennen uns von verschiedenen Projekten aus dem Essl Museum, haben aber auch schon mal gemeinsam was mit Kochen und Sound gemacht. Ich habe dann zu ihr gesagt, dass ich gerne die Küche vom Buchinger aufnehmen würde und gefragt, ob er mich reinlassen würde um mit meinen Kopfhörern das unglaubliche Getriebe aufzunehmen. Ich habe dann in der Küche die erste Aufnahme gemacht, das war fantastisch. Es ist eine kleine Küche, aber mit mindestens fünf oder sechs Leuten, die sehr konzentriert zusammenarbeiten. Fast wie ein Kammerensemble oder ein Streichquartett, wo alles ineinander greift und sich die Leute intensiv zuarbeiten müssen. Alles ist orchestriert und Buchinger ist sozusagen der Dirigent, der die Orders erteilt. Das hört man dann alles auf der Aufnahme. Dadurch, dass das dreidimensional aufgenommen ist, hat man das Gefühl mitten in der Küche zu stehen. Dann habe ich also gedacht, dass es eine unglaublich tolle Möglichkeit ist, dort ein Stück zu machen. Also brauchte ich noch drei zusätzliche Soundscapes. Die Zweite habe ich dann im Gastgarten aufgenommen, der an der Straße liegt und wo man ab und zu Autos vorbeifahren hört. Und ich hatte Glück, dass neben mir eine Gruppe von vier Leuten gesessen ist, die sich offensichtlich gut kannten und die es sehr lustig hatten. Dann habe ich einen anderen Ort aufgesucht, nämlich die wegen des Sommers komplett leere Gaststube. Dort hatte ich einen ganz anderen akustischen Eindruck, nämlich nur gedämpfte Geräusche aus der Küche. Dann hat mich der Buchinger entdeckt, mir ein Glas hingestellt und aus einem Kännchen Wein eingeschenkt. Diese Szene hat der Erwin auch aufgenommen, obwohl ich ihm das nicht erzählt habe. Aber man hört es. Und zuletzt war ich am Ort allen Fleisches, der Toilette. Dort habe ich mich eingesperrt und aufgenommen, was sonst noch an Klängen von den Menschen produziert wird, inklusive Wasserspülung und Händewaschen. Dann waren die Zutaten für das Menü auch schon gesammelt. Mit diesen Schätzen bin ich dann nach Hause gefahren und habe gekocht.

EZ: Und du hast es dann weiterverarbeitet, Erwin?

EU: Das ist ein Text, wo ich sehr viel damit arbeiten konnte, was ich gehört hab. Aber gerade bei diesem Text war dann für mich die theoretische Ebene auch extrem spannend. Also dieses Koordinatensystem W3W: Jeder Ort auf der Welt, in einem 3x3-Meter-Raster, hat laut diesem System drei Wort-Koordinaten.

EZ: Das muss man noch näher erklären. Ich glaube, wenn man das zum ersten Mal hört, kann man sich unter Wort-Koordinaten wenig vorstellen. Ich habe es zum ersten Mal verstanden, als ihr mir das damals erklärt habt.

KHE: Es gibt eine App namens what3words. Die trackt meine Geo-Position und sagt mir, wie dieser Ort heißt. Man stellt die Sprache ein und dann sucht sich die App aus einem Lexikon eine Dreier-Kombination von Worten zusammen. Diese Kombination wird dann zu einem Orakel.

EU: Es gibt also zu jedem Ort drei Worte. Die Worte von Buchingers Küche sind //einiges.gefordert.exzellentes. Wie gesagt, das ist Zufall. Oder vom Gastgarten: //berührte.gruppen.lamm. Es ist witzig, weil das in jedem Gastgarten vorkommt: Ein Lamm wird gegessen; Leute berühren sich und es gibt dort Gruppen. Im leeren Gastraum waren es //zinn.gämse.ältester und am WC waren es //drache.wüste.eiskalt. Das ist jetzt dadurch dann eben nicht nur ein assoziativer Text, sondern ich musste diese Worte dann auch einbauen.

EZ: Und hast du diese Wörter in alle Texte eingebaut? Also bei dem Stück M.E.A.L. hast du dann 12 Wörter eingebaut?

EU: So ist es. Bei M.E.A.L. ist es echt witzig, weil am WC das Wort eiskalt vorkommt. Und auch das Wort Wüste. Das war jetzt aber nicht meine Intention. Diese 12 Wörter mussten einfach in den Text hinein, das war die unumgängliche Regel.

Hans Groiss: K.O.P.F. von Karlheinz Essl und Erwin Uhrmann ist ein intermediales Projekt. Es gibt radiophone Kunstkopf-Hörstücke, dazu ein Buch mit Fotos und einer CD. In der Herangehensweise und Umsetzung werden Phänomene der Internet-Welt wie ASMR, QR-Codes oder What-Three-Words integriert und spinnen sich so zu einem dichten Netz an Bezugsquellen und Verweispunkten. Eindeutigkeiten werden zu Mehrdeutigkeiten und eine Schicht wird überlagert von der nächsten, in Beziehung gebracht und verdichtet. Moderne transmediale Lyrik wie sie im Buche steht oder eben im Radio zu hören ist oder im Netz erfahrbar ist. Kommen wir zu einem letzten Stück für die heutige Sendung, Karlheinz Essl führt selber ein.

KHE: Ich habe über Anton Weberns Spätwerk meine Dissertation geschrieben und ich verehre ihn, das muss ich sagen. Anton Webern hat mich zu dem Komponisten gemacht, der ich heute bin. Vorher habe ich ganz anders komponiert. Ich habe seine Musik 1983 an seinem hundertsten Geburtstag zum ersten Mal gehört, im Konzerthaus mit Claudio Abbado und dem London Symphony Orchestra, wohin mich mein Lehrer Friedrich Cerha geschleift hat. Ich wollte eigentlich nicht, aber er hat gesagt dass ich mitgehen muss. Das hat mich dermaßen geflasht, so dass ich damals mit 23 gesagt habe, dass Alles was ich bisher gemacht habe, nichts wert ist. Ich musste komplett neu anfangen. Anton Webern war sozusagen meine Initialzündung. Ich verdanke ihm nicht nur das Thema meiner Dissertation, sondern auch viel Inspiration. Ich bin auch sehr berührt von der Art, wie er zu Tode gekommen ist. Er ist 1945 unabsichtlich von einem betrunkenen GI erschossen worden, der ihn für einen Schwarzhändler gehalten hat und ihn festnehmen wollte. Das war in Mittersill. Er ist vor der russischen Invasion geflohen und war dort bei seinem Schwiegersohn untergebracht. Dort ist er auch begraben, ein sehr schönes Grab, das auch gepflegt wird. Mittersill ist durch das Komponist:innen-Forum Mittersill von Wolfgang Seierl immer wieder in das Bewusstsein der Menschen gekommen, weil er dort seit vielen Jahrzehnten immer um den Todestag herum ein Komponist:innen-Forum ausrichtet, wo es immer ein Webern-Gedenken gibt, bei dem sich die KomponistInnen austauschen können. 2005, zum 60. Todestag, habe ich die Einladung bekommen, dort etwas zu machen. Ich habe dann ein Glockenspiel - das Webern.Uhr.Werk - komponiert. Alle, die schon einmal in Belgien oder Holland waren, wissen, dass es dort in den Kirchen gestimmte Glocken gibt, die zu bestimmten Zeiten schöne Melodien spielen. Die versteht man oft gar nicht so richtig, weil sie auf den nicht temperierten Glocken recht komisch klingen. Ich wollte so etwas in Mittersill machen. Natürlich gibt es dort kein Glockenspiel, also habe ich ein Künstliches mit einem Lautsprecher und elektronischen Klängen, die wie Glocken klingen, installiert. Die Idee war, dass es alle Viertelstunden läutet und eine Melodie erklingt, die immer anders ist. Die Melodie bezieht sich auf ein Stück von Anton Webern das er in Mittersill kurz vor seinem Tod skizziert hat. Aus dem Material, das das Opus 32 hätte werden können, habe ich einen Algorithmus entwickelt, der immer neue Varianten generiert. Dieses Glockenspiel wurde jedes Jahr zu seinem Todestag gespielt. Wir haben in die Dachluke des Rathauses am Hauptplatz einen Lautsprecher gestellt und dann ist den ganzen Tag über jede Viertelstunde eine Melodie über die ganze Stadt erklungen. Dank Wolfgang Seierl ist dort über die Jahre ein Gedenkweg für Anton Webern entstanden, der mit Schautafeln sehr schön angelegt ist. Und dieses Stück, das WebernUhrwerk, läuft jetzt als Dauerinstallation am Hauptplatz von Mittersill. Als ich das dort aufgebaut habe, habe ich mir von der grünen Gemeinderätin ihr E-Bike ausgeborgt und bin damit in die Berge gefahren. Mit einem normalen Rad wäre ich gar nicht auf die Alm gekommen. Dort habe ich dann wunderschöne Aufnahmen gemacht, habe Kühe besucht und mit Wanderern gesprochen und schließlich war ich noch beim Grab von Webern. Und das hören wir jetzt.


S.I.L.L.
Sounds Intercept Little Lovers
© Karlheinz Essl & Erwin Uhrmann


HG: S.I.L.L. (Sounds Intercept Little Lovers) aus dem Projekt K.O.P.F. von Karlheinz Essl und Erwin Uhrmann. Aufgenommen von Ersterem in Mittersill an wichtigen Orten im Leben von Anton Webern. Ich habe mich für ein Interview auf die Ebene der Akronyme, der Verspieltheit, der Vierkantigkeit und Vielschichtigkeit eingelassen und habe in der Bibliothek des Literaturhaus Wien eine SWOT-Analyse mit den beiden Künstlern durchgeführt. Eine SWOT-Analyse, englisches Akronym für Strengths (Stärken), Weaknesses (Schwächen), Opportunities (Chancen) und Threats (Risiken) ist ein Instrument der strategischen Planung. Bei einem derart komplexen Projekt unumgänglich. Beginnen wir mit den Stärken.


EU+HansGroiss_2021

Hans Groiss interviewt Erwin Uhrmann
Literaturhaus Wien, 13.10.2021


KHE: Der Blick über den Tellerand, die Auseinandersetzung zweier Künstler miteinander und ihren Interessen an Räumen jeglicher Natur, auch spirituelle Räume, Klangräume, Naturräume und ihr bedingungsloses Einlassen aufeinander.

HG: Was sind, etwas Selbstkritik mit eingeschlossen, Schwächen, Erwin Uhrmann?

EU: Eine Schwäche wäre das, was auch eine Stärke ist: Die hohe Komplexität des Projekts. Denn es ist schon so, dass man das Projekt nicht in zwei Minuten erklären kann. Das mag eine Schwäche sein, weil es sich nicht schnell zusammenfassen lässt. Es ist wie ein Teppich, den man ausbreiten muss oder ein großes Mosaik-Muster, wo man nicht so einfach ein Detail herausnehmen kann.

HG: Was sind Chancen, im Sinne einer SWOT-Analyse?

EU: Ich sehe die Chance darin, dass mit Lyrik und Komposition spartenübergreifend zu arbeiten extrem interessant ist. Es gibt momentan wahnsinnig viele Hörspiele, die mit modernsten Technologien aufgenommen werden. In unserem Buch gibt es einer Text zweier Experten, die sich damit auseinander setzen und die auch argumentieren, dass unter anderem von Computerspielen ausgehend die mehrdimensionalen Aufnahmemöglichkeiten immer besser werden. Da sehe ich als Lyriker eine Chance für die Lyrik, gerade durch die spartenübergreifende Zusammenarbeit zwischen Lyrik und Komposition. Da tut sich ein riesiges Feld auf. Das Projekt ist zwar sehr vielschichtig, aber letztlich ist es nur ein kleines Steinchen eines unglaublich großen Mosaiks, das man da öffnen kann.

KHE: Der Zukunftsaspekt ist der, dass ich weiter mit dem Erwin und Anderen neue Wege beschreiten möchte. Dieses Projekt mit den Soundscapes und der Lyrik ist jetzt abgefrühstückt und es wäre spannend etwas vollkommen Neues zu machen: Vielleicht gar nicht mit Soundscapes zu arbeiten, sondern mit Geigenklängen oder Stimmen.

HG: Und was ist zum Schluss ein Risiko?

KHE: Die Komplexität hat ja zwei Seiten. Die eine ist, dass es kompliziert ist. Aber die positive Seite ist, dass es vielschichtig und mehrdimensional ist und der HörerIn viele unterschiedliche Zugangsmöglichkeiten bietet. Es gibt nicht die eine Story, die man verstehen muss, sondern wir bieten einen mehrdimensionalen Bedeutungsraum an, der viele spannende, interessante und auch gefährliche Dinge enthält. Das verführt beim Rezipieren dazu, sich hineinzuleben, seinen eigenen Weg darin zu finden und sich seine eigene Geschichte zu erzählen. Homo ludens. Wir sagen ja als Musiker auch: Wir spielen ein Instrument. Also das Spielen ist schon wichtig. Nur am Schreibtisch zu sitzen und Partituren zu schreiben ist nicht das Ganze, es ist immer auch das Experimentieren, das Ausprobieren und das Spielen, das einen weiterbringt.

HG: Im Limbus-Verlag erschien ein Buch mit Bildern, QR-Codes und beigelegter CD des Projekts K.O.P.F. von Karlheinz Essl und Erwin Uhrmann. Ab morgen in den österreichischen Buchhandlungen zu finden. Die Präsentation von K.O.P.F. fand am 13. Oktober im Literaturhaus Wien statt. Für die Soundaufnahmen von dort bedanken wir uns bei Christoph Amann, Susanne Luschin und Barbara Zwiefelhofer. Hans Groiss war für Sie am Mikrofon, Technik Othmar Bergsmann.


© 2021 by Karlheinz Essl, Erwin Uhrmann, Elisabeth Zimmermann und Hans Groiss
Transkription: Simon Essl



Home Works Sounds Bibliography Concerts


Updated: 3 Nov 2021

Web
Analytics