Xenia+KHE_2019

Marie-Therese Rudolph

Karlheinz Essl: Die Goldbergvariationen für Klavier und Elektronik

Feature für die Sendung Treffpunkt Klassik des SWR2
3 Jan 2022

SWR2 - Südwestrundfunk




deutsch

Karlheinz Essls Gold.Berg.Werk für Klavier und Elektronik

Johann Sebastian Bachs Goldberg-Variationen zählen zum europäischen Kulturkanon wie wenig andere Kompositionen. Sie verführen nach wie vor zu Neu-Interpretationen, sei es mit ungewöhnlichen Instrumenten, oder mit neuen Zwischenspielen. Der österreichische Komponist und Professor für elektroakustische Musik Karlheinz Essl hat eine ungewöhnliche Variante gewagt.

Karlheinz Essl: "Dieses Stück ist absolut perfekt! Wieso aber Elektronik? Muss da jetzt auch noch einen Zuckerguss drauf? Hab dann aber darüber nachgedacht und erkannt: Das ist eine Challenge! Das wäre doch eine tolle Sache, ein Stück, mit dem du schon so vertraut bist und das dir so lieb geworden ist, das du in- und auswendig kennst, noch einmal herzunehmen und es wie einen Steinbruch zu verwenden und es komplett neu auszuschlachten. Deswegen auch der Titel Gold. Berg.Werk. Weil es im Grunde eine Art Bergwerk ist, wo ich mich in diesen Bau hineingrabe und versuche dort Sachen zu finden, die nicht an der Oberfläche sichtbar sind."

Marie-Therese Rudolph: Mit Gold.Berg.Werk verfolgt Karlheinz Essl seit längerem eine Idee, die er bereits in mehreren Versionen für jeweils unterschiedliche Besetzungen realisiert hat. Ausgangs- und Referenzwerk ist Johann Sebastian Bachs zeitlose Komposition, die Goldberg-Variationen. Aus diesen hat Essl eine Auswahl getroffen, sie neu zusammengestellt und zu einigen elektronische Interludien beigesteuert. Ein spezieller räumlicher Effekt entsteht durch die Positionierung eines Speziallautsprechers, einem sog. Transducer im Inneren des Flügels. Dieser versetzt den Resonanzboden des Klaviers in Schwingung. Die elektronischen Klänge strahlen aus dem Inneren des Klaviers, wandern durch den Raum und hüllen das Publikum ein. So entsteht ein überraschender Klangraum, der mit der realen Umgebung nichts zu tun hat.

KHE: "Wenn ich die Goldberg-Variationen als Ganzes höre - als Komponist, der schon seit Jahrzehnten im Geschäft ist und mich ständig mit Musik beschäftige - ist es für mich sehr fordernd. Dadurch, dass im Gold.Berg.Werk dazwischen immer etwas ganz anderes klingt, das jetzt nicht klavierbezogen ist sondern aus - ich sag' mal - himmlichen Sphären kommt, werden die Hörer*innen in andere Räume transportiert. Und ich glaube, dass der Wechsel von der physischen Realität des Klavieres hin in einen Transzendenz des Raumes wahnsinnig spannend ist und dem Stück etwas gibt, das es ursprünglich nicht hatte. Und sicherlich ist das nur jetzt möglich in unserer Zeit mit all ihren technischen Möglichkeiten."

MTR: Nun ist Gold.Berg.Werk auf dem irischen Label Ergodos erschienen. Die Pianistin Xenia Pestova Bennett interpretiert den originalen Bach historisch informiert, mit zahlreichen Verzierungen. Dazwischen die transformierten Variationen von Karlheinz Essl.

KHE: "Xenia weiß, wie das früher gespielt worden ist und dass man bei Wiederholungen Variationen eingegebaut hat. Sie macht das ganz apart, wenn sie zum Beispiel in einer Gigue die Triolen "jazzig" phrasiert, dass es einen Swing bekommt. Wie so ein verhatschter Walzer, wo die Triolen nicht gleichmaßig sind, sondern ein bisschen eine Puntkierung bekommen. Ganz ganz tolle Sachen! Und wenn die Elektronik einsetzt muss sie das Pedal halten. Es gibt manchmal Übergänge, wo der Klang der Elektronik nahtlos aus dem Klavier herauskommen muss. Dabei muss sich der Elektroniker bemühen, den richtigen Pegel zu erwischen damit es auch wirklich so klingt, als würde der zuletzt gedrückte Ton des Klavieres nahtlos weitergehen."

MTR: Geprobt haben die Pianistin Xenia Pestova Bennett und der irische Komponist und Elektroniker Ed Bennett, der die Elektronik ausgeführt hat, genügend. Zumal Karlheinz Essl - pandemie-bedingt - nicht an den Aufnahmesessions in Irland teilnehmen konnte.

Gold.Berg.Werk von Johann Sebastian Bach und Karlheinz Essl: Eine sich gegenseitig in der Wirkung verstärkende Kombination von Altem und Neuem, in klangsensibler Weise in Beziehung gesetzt. Essls Interludien entführen mit sinnlichen, mit viel Gefühl verfremdeten Klängen in einen ausserirdisch anmutenden Kosmos, aus dem es nur einer Jahrtausendmusik wie Bachs Goldberg-Variationen gelingt, den Hörer und die Hörerin unversehrt auf den Boden irdischer Musi zurück zu holen. Eine Empfehlung!



english

Karlheinz Essl's Gold.Berg.Werk for piano and electronics

Johann Sebastian Bach's Goldberg Variations belong to the European cultural canon like few other compositions. They continue to tempt new interpretations, be it with unusual instruments, or with new interludes. The Austrian composer and professor of electroacoustic music Karlheinz Essl has ventured an unusual variation.

Karlheinz Essl: "This piece is absolutely perfect! But why electronics? Does it need a sort of sugar coating? When I thought about it I realised: That's a challenge! It would be great to take a piece that you're already so familiar with and that you've become so fond of, that you know inside out, and use it like a quarry and exploit it completely anew. Hence the title Gold. Berg.Werk. Because it's basically a kind of mine where you dig into this construction and try to find things there that are not visible on the surface. "

Marie-Therese Rudolph: With Gold.Berg.Werk, Karlheinz Essl has been pursuing an idea for a long time, which he has already realised in several versions for different instrumentations. The starting point and reference work is Johann Sebastian Bach's timeless composition, the Goldberg Variations. Essl has made a selection from these, re-arranged them and added electronic interludes to some of them. A special spatial effect is created by positioning a special loudspeaker, a so-called transducer, inside the grand piano. This causes the piano's soundboard to vibrate. The electronic sounds radiate from inside the piano, travel through the room and envelop the audience. This creates a surprising sound space that has nothing to do with the real environment.

KHE: "When I'm listening to the Goldberg Variations - as a composer who has been in the business for decades and who constantly deals with music - it is still very challenging for me. The fact that in the Gold.Berg.Werk there is something completely different sounding between the original Bach which is not piano-related but comes from - let's say - heavenly spheres, transports the listeners into other spaces. And I think that the change from the physical reality of the piano to a transcendence of space is incredibly exciting and gives the piece something that it didn't possess originally. And surely that's only possible now in our time with all its technical possibilities."

MTR: Now Gold.Berg.Werk has been released on the Irish label Ergodos. The pianist Xenia Pestova Bennett interprets the original Bach in a historically informed way, with numerous ornaments. In between, the transformed variations by Karlheinz Essl.

KHE: "Xenia knows how it was played in the past and of course she knows that variations were built into the repeats. She does it very well, for example, when she phrases the triplets in a gigue in a "jazzy" manner, so that it takes on a swing. It's like a "slapdash" waltz where the triplets aren't evenly spaced, but have a bit of a punctuation. Really great stuff! And when the electronics kick in, she has to hold the pedal. There are sometimes transitions where the sound of the electronics has to come out of the piano seamlessly. The electronics engineer has to find the right level so that it really sounds as if the last note pressed on the piano continues seamlessly."

MTR: The pianist Xenia Pestova Bennett and the Irish composer and electronic musician Ed Bennett, who performed the pre.-composed electronics, have rehearsed a lot. Especially since Karlheinz Essl - due to the pandemic - could not take part in the recording sessions in Ireland.

Gold.Berg.Werk by Johann Sebastian Bach and Karlheinz Essl: a mutually reinforcing combination of old and new, related in a sound-sensitive way. Essl's interludes, with sensuous sounds alienated with a great deal of feeling, take the listener into an extraterrestrial-seeming cosmos from which only millennium music like Bach's Goldberg Variations succeeds in bringing the listener back to the ground of earthly music unscathed. A recommendation!



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Updated: 17 Jan 2021

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