Karlheinz Essl

Portrait KHE

Gesualdo-Fragmente

Aufführungspartitur
2023


gesualdo-portrait

© Karlheinz Essl

Igor Strawinsky, Hollywood, den 7. März 1968:

Mein Interesse an Carlo Gesualdo führte vor zehn bis zwölf Jahren zu einer Reihe von Streifzügen, nicht nur in der Musik. Zwei Mal besuchte ich den ehemaligen Sitz der Familie des Komponisten. Gesualdos Schloss war in erbärmlichem Zustand, es war die Heimstatt einiger Hühner, einer jungen Kuh und einer grasenden Ziege. Es war kaum vorstellbar, dass auf diesem verlassenen Hügel früher einmal ein Höchstmaß an musikalischer Kultur geherrscht hatte: Sänger, Instrumentalisten! Choristen! – und nicht zuletzt der großartige, wenn auch aus dem Gleichgewicht geratene Komponist.

In den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts galt Igor Strawinskys Interesse der Zwölftonmusik und der Wiener Schule, aber auch der Musik der Renaissance. Er liebte die Werke von Claudio Monteverdi, Giovanni Gabrieli und Adrian Willaert. Aber keiner der alten Meister hat Strawinsky so fasziniert wie Carlo Gesualdo, dessen Madrigale wegen ihrer Harmonien und ihrem schnellen Wechsel der Rhythmen zu Strawinskys Zeit noch als nahezu unaufführbar galten.

Wer also war dieser Carlo Gesualdo, der die Avantgarde des 20. Jahrhunderts mit seinen Klangwelten faszinierte?


Verfolger-Scheinwerfer auf Markus Hering blendet aus, es beginnt das PRELUDIUM


SOUNDSCAPE_1: morte brami


Etwa 95 Kilometer östlich von Neapel, 650 Meter hoch, liegt seit dem siebten Jahrhundert eine Burg lombardischen Ursprungs, fernab jeder Handelsroute, eingebettet in wellige Hügel. Vom Jahr 1059 an wurde die Burg Besitz der Familie Gesualdo, die dem Ort ihren Namen gab und fortan ununterbrochen und ohne nennenswerte Komplikationen regierte. Isabella Ferrillo brachte 1543 als Mitgift den Fürstentitel von Venosa mit, woraufhin sich Luigi, Carlos Großvater, sogar Vizekönig von Neapel nennen durfte.

Am 30. März 1566 schreibt Don Pietro Pusterlas an Kardinal Carolo Borromeo, den 28-jährigen Erzbischof von Mailand, dessen Vertrauter er ist:

Am 8. dieses Monats gebar Signora Donna Geronima ein Kind, welches auf den Namen „Carlo“ getauft wurde – und alles ist in bester Ordnung.

Die als „Donna Geronima“ bezeichnete adelige Dame ist Girolama Borromeo, die Schwester des Kardinals und eine Nichte von Papst Pius IV. Durch Vermittlung ihres geistlichen Bruders hat sie Don Fabrizio Gesualdo geheiratet, den Fürsten von Venosa. Don Fabrizio ist Herr über große Ländereien in Süditalien, er besitzt den Palazzo San Severo in Neapel, ein Schloss in Venosa, dem Geburtsort des Dichters Horaz und ein kleines Schloss in der Ortschaft Gesualdo, 100 Kilometer östlich von Neapel entfernt.

Der Fürst beschäftigt an seinem Hofe – zu seinem Vergnügen und zu seiner Unterhaltung – auf eigene Kosten viele ausgezeichnete Komponisten, Instrumentalisten und Sänger. In den Registern seines Hofes finden sich Namen wie Giovanni de Macque oder Pomponio Nenna. Oft ist auch der Dichter Torquato Tasso beim Fürsten zu Gast.

In dieser literatur- und musikbegeisterten Umgebung wächst Carlo Gesualdo, der zweitgeborene Sohn des Fürsten standesgemäß auf. Vier Diener sorgen für seine Bequemlichkeit im Alltag, Carlo lernt das Spiel auf der Theorbe - der Basslaute und erlangt darauf virtuose Fertigkeit. Seine musikalische Vorliebe gilt aber dem Madrigal, jener Liedform, in der die Freuden der Liebe, die Qualen der Eifersucht oder die Raserei der betrogenen Liebenden höchst effektvoll besungen werden.

Früh wird sein Leben von zwei Passionen bestimmt - der Musik und der Jagd.

Carlo ist ein stiller, verschlossener Mensch, von hagerer, dennoch kräftiger Statur. Das einzig erhaltene Porträt zeigt ein extrem ovales Gesicht, leicht wulstige Lippen, eine platte Nase, große, braune, traurige Augen, ein spitzes Kinn und hohle Wangen. Obwohl man ihn nicht direkt häßlich nennen kann, beschreiben ihn Zeitgenossen als wenig einnehmende Erscheinung, von der etwas Fremdartiges und Rätselhaftes ausgeht. Sein Temperament gründet, von Jähzornsausbrüchen abgesehen, in tiefer Melancholie.

Carlo ist ein Nachtmensch der bis in den Nachmittag schläft und gerne, wenn es dunkel wird, Spaziergänge ohne Begleitung unternimmt. In der Kirche vermag er stundenlang auf den Knien zu beten, leise, kaum merklich die Lippen bewegend, taub, wenn man ihn ruft. Beim Baßlautenspiel haßt er Störungen noch mehr.


LAUTE_1: poi che t’assenti


Chronisches Asthma führt zu regelmäßigen Erstickungsanfällen. Früh beginnt er, Reliquien zu sammeln, er legt fragmentarische Skelette auf dem Fußboden aus, sammelt bunt bemalte Schädel profaner Herkunft, mehr als fünfzig, die er in einem Schrank seines Schlafzimmers hortet.

Nur während der Jagd und wenn über Musik diskutiert wird, duldet er Menschen willig um sich. Oft reitet er tagelang durchs Land, kampiert unter freiem Himmel, bevorzugt archaische Waffen - Speer oder Bogen - und weidet Erlegtes eigenhändig aus. Wenn ein erjagtes Tier noch zuckt, wenn er ihm den Gnadenstoß verabreicht, und Blut über seine langen, feingliedrigen Musikerfinger spritzt, dann fühlt er kleine Ekstasen; das Machtgefühl des Tötens überwiegt kurzfristig die Ohnmacht des Sterbenmüssens.

Carlo versteht es, seine Persönlichkeit der Renaissancegesellschaft konform zu spalten; bald galanter junger Erbfürst, bald Soldatenlieder schmetternder Grobian, bald beschlagener Musikspezialist.


MADRIGAL_1: se la mia


Carlos Gott ist einer, der sich durch die Sterblichkeit allen Seins offenbart, dessen Fußstapfen Gräber sind, der vernichtend über die Erde tanzt, beseelt von der Lust, zu zerstören, was er schuf!

Mindestens so oft, wie er ein Tier zu Tode quält, quält er sich mit brennenden Holzscheiten und stählernen Geißeln — mehr und mehr gesteht er sich seine Lust an Schmerzen ein - die Erregung, die er aus Kasteiung gewinnt.

Nach dem Frühstück, das er gewöhnlich um zwei Uhr nachmittags einnimmt, verbringt er ein bis zwei Stunden in der Kapelle, um zu beten, danach widmet er sich der Laute. Der Sonnenuntergang wird Signal zu seiner eigentlichen Aktivität: er kleidet sich dann in lange schwarze Gewänder und schleicht aus der Burg. Jeder Rundgang endet mit einem Besuch des Friedhofs, dort legt er sich gern zwischen die Kreuze.

Ihm schwindelt vor dem eigenen Abgrund!

Seine Andersartigkeit erscheint niemandem deutlicher als ihm, selbst krank, sündhaft, gottungefällig. Für Blasphemie hält er es, die Herrlichkeit der Welt nicht genießen zu können. Schwermut und Melancholie hält er für Undankbarkeit gegenüber dem Schöpfer. Wäre er nicht der Überzeugung gewesen, ein Selbstmord würde der Gottesbeleidigung seines Wirkens noch die Krone aufsetzen, er hätte sicherlich zu diesem Mittel gegriffen.


LAUTE_2: come ne porti il cor


In dieser aussichtslosen Situation ergeben sich 1586, zwei Jahre nach dem Tod seines Bruders Luigi, völlig neue Perspektiven: Vater Gesualdos irrwitzige Idee, seinen inzwischen zwanzigjährigen Sohn zu verheiraten.

Anders als eine Roßkur kann es nicht genannt werden, daß die Wahl der Familie auf Donna Maria d'Avalos Iällt, die schönste Frau Neapels, die mit ihren fünfundzwanzig Jahren schon zweifache Witwe ist, eine vitale und sinnenfrohe Person, von deren erstem Gatten behauptet wird, er sei an den Folgen »übermäßigen Genusses ehelicher Wonnen« gestorben.

Maria war zum ersten Mal im Alter von fünfzehn verheiratet worden, mit Federigo Carafa, dem sie zwei Kinder gebar. Weil sie dadurch »genügende Beweise ihrer Fruchtbarkeit« gegeben hatte, war sie eine begehrte Witwe, und ihre zweite Ehe mit dem Sohn des Marchese von Giulianova, verzeichnete sogar fünffachen Nachwuchs.

Dieser starb 1586. Sofort leitete Fabrizio Gesualdo offizielle Verhandlungen ein. Das ganze Unternehmen lief in derartiger Geschwindigkeit ab, daß sogar ein päpstlicher Dispens für die Verkürzung der Trauerzeit eingeholt werden mußte, was angesichts der guten Verbindungen nach Rom kein Problem darstellte.

Die Hochzeit findet noch im selben Jahr, 1586, statt. Wer von den Zeitgenossen Carlo näher zu kennen glaubt, neigt zur Meinung, die Ehe sei von vornherein verurteilt, eine Farce zu werden. Hoffnung besteht nur dahingehend, daß vor einer wahrscheinlichen Scheidung die Zeugung eines Sohnes gelänge, wonach alles andere nicht mehr so wichtig sein würde.


SOUNDSCAPE_2: dopo morte


Es kommt etwas anders.

Carlo akzeptiert die ihm aufgehalste Heirat nicht nur, er ist sogar hellauf begeistert und beginnt seine Gattin inbrünstig zu lieben. Auch Maria ist von ihrem Gemahl positiv überrascht, findet ihn reizend, aufmerksam, taktvoll, ja gar possierlich. Und vorerst stört es sie kaum, daß im Bett rein gar nichts gelingen will. Carlo erweist sich bei mehreren Anläufen als impotent. Der Grund seines sexuellen Versagens scheint allein auf die Person Marias beschränkt und mag damit zusammenhängen, daß er den Beischlaf als zu ordinär empfindet, um ihn an dieser verklärten Madonna auszuüben.

Aber 1588 ist es soweit: Ein Sohn - Gott sei Dank ein Sohn! - wird jüngster Sproß der Familie. Man tauft ihn Emmanuele.

Carlo nun seiner gröbsten Pflicht entbunden verläßt Neapel, um in den nächsten beiden Jahren vorzugsweise auf der Burg Gesualdo zu leben.

Maria d'Avalos war bestimmt eine Frau, der man früh beigebracht hat - und die es auch akzeptierte - sich selbst über ihren Unterleib zu definieren. Kein Zweifel, daß sie sich von Carlos Impotenz wirklich beleidigt fühlt und daß sie jetzt, da ihr Gatte keinerlei Anstalten macht, sie weiterhin zu benützen, ein für ihre Begriffe sinnentleertes Leben führt. Nach wie vor ist die Zahl derer, die sie begehren, groß, und Carlo muß - wenn er nicht taubblind war - gewußt haben, daß sie zwangsläufig Affären haben würde. Wahrscheinlich hofft er, in der Abgeschiedenheit Gesualdos keine konkrete Kenntnis solcher Affären zu erhalten.

Auf dem Frühlingsfest von Don Garzia de Toledo, dem Vizekönig von Neapel verliebt sich Maria in den Bruder ihres ersten Mannes, in Don Fabrizio Carafa: einem Vater von fünf Kindern, verheiratet mit einer streng religiösen Frau.

Don Fabrizio Carafa, der Herzog von Andria, war der anmutigste und edelste Kavalier der Stadt. Er war noch keine dreißig Jahre alt, von blühender Schönheit und heiterem Wesen, so feinfühlig und doch auch jähzornig, dass man ihn im ersten Moment seiner Anmut wegen für einen Adonis, im nächsten – seiner Heftigkeit wegen – für den Kriegsgott Mars halten konnte.

Die offensichtliche Zuneigung, die Tänze und Festlichkeiten das gleiche Verlangen in den Augen, all das entfachte die Glut ihrer Herzen. Im Garten Don Garzias von Toledo waren sie zum ersten Mal allein, sie trafen sich an anderen verschwiegenen Orten, selbst in den Gemächern der Fürstin verbrachten sie manche Liebesstunde, während die Dienerin Wache hielt.


TASSO_1: ma se vuoi che non t'ami


1588 ist auch das Jahr, in dem der damals wohl bedeutendste Dichter Italiens Gesualdo besucht, Torquato Tasso.

Für den in der Schwebe zwischen Nacht und Sonne hängenden Carlo wird die Begegnung fatale Folgen haben. Denn er entdeckt im innerlich zerrissenen, gemütskranken, mondsüchtigen und total paranoiden Tasso einen Seelenverwandten; den ersten Menschen, der ihm ähnlich scheint, von dem er Verständnis erhofft, vor dem er sich nicht schämt, der ihm die Dinge in neuem (dunklerem) Licht darstellt, der nachts halbnackt und lallend, von Furien gehetzt durch die Wälder streift, der sein Leiden auskostet in bitter-schwarzen Stunden und - was das Schönste ist - noch großartige Worte dafür findet. Carlo gerät in den Bann seines Gastes, knüpft eine tiefe Freundschaft zu ihm.

Gemeinsam suchen Dichter und Musiker die aus Angst, Verzweiflung und Sehnsucht geborene Ekstase der Überschreitung; treffen sich in Grüften, einander schwülstig zu trösten in der Ars moriendi.

Selbstverständlich vertont Carlo viele Texte seines Freundes; eine fruchtbare Synthese, eine Wort-Musik-Alliance entsteht. Die Madrigale, die Carlo auf Sonette Tassos komponiert, gehören zu seinen inspiriertesten; umgekehrt wird Tasso von den kühnen, an die Grenzen der Harmonik strebenden Klängen zu Höchstleistungen morbider Lyrik getrieben.

Carlos Tragödie offenbart sich, als Tasso eines Tages den Hut nimmt, fortgetrieben von gnadenloser Paranoia, die ihn überall Intriganten und Meuchelmörder vermuten läßt. Carlo bleibt einsam zurück, plötzlich von einer grauenhaften Leere umgeben, mit der nicht einmal er etwas anzufangen weiß. Hilfesuchend reitet er nach Neapel, nicht wissend, was genau er sich dort erhofft.


MADRIGAL_2: lieto ne moro


Eine im siebten Monat schwangere Maria erwartet ihn. Carlos morsche Pfeiler brechen zusammen, er sieht sich als Hahnrei verspottet. Unfähig, Maria zur Rede zu stellen, unfähig, überhaupt zu sprechen, verbirgt er sich wochenlang in einem Zimmer des Palazzo San Severo, nimmt reglos die Geburt des Kindes, einer Tochter, zur Kenntnis, glaubt sich von Gott verlacht und vom Leben verstoßen.

Eifrige Leibdiener tragen ihm den Namen des Liebhabers zu: Es ist kein Geringerer als Fabrizio Carafa, Herzog von Andria, dessen Verhältnis zu Maria bald wieder dort einsetzt, wo es durch die Niederkunft unterbrochen wurde. Carlo erwacht aus seiner Lethargie, sinnt auf Rache, Rache an Maria, Rache an Fabrizio, Rache an der ganzen Welt.

Die exzessiven Zusammenkünfte finden weiter unter abenteuerlichen Umständen statt, in jedem Fall häufen sich die Begegnungen rasant. Maria wagt es wieder, den verkleideten Herzog in ihrem ehelichen Schlafzimmer zu empfangen. Diese Keckheit ist ebenso unvernünftig, wie sie wenig Rücksichtnahme auf ihren Gatten zeigt, den der unvermeidliche Klatsch selbst in der Ferne Gesualdos erreichen musste. War sie so blind? Oder so dumm? Schätzte sie Carlo falsch ein? Oder legte sie es gar auf einen spektakulären Liebestod an?

Carafa denkt nach Marias Niederkunft sehr wohl an ein Aussetzen ihrer Beziehung, schreibt ihr, ihre Liebe sei entdeckt, eine Fortsetzung der nächtlichen Treffen bilde eine Gefahr für beider Leben und Ehre.

Und Maria? Stürmisch bedrängt sie ihn, die Zärtlichkeiten wieder aufzunehmen; der Herzog antwortet, es sei Wahnsinn, nicht das Schwert zu erkennen, das über ihren Häuptern schwebe. Maria wollte von all dem nichts hören.

Wenn der Herzog Furcht verspüre, wäre er besser als Diener geboren, denn dann habe sich die Natur doppelt geirrt. Sie habe einen Kavalier mit dem Herzen einer Frau und eine Frau mit dem Mut eines Kavaliers erschaffen. Es sei unter seiner Würde, solche niedere Regung zu zeigen. Wenn er wirklich Angst empfinde, sollte er alle Liebe zu ihr aus dem Herzen verbannen und nie wieder vor ihr erscheinen.

Tief bewegt eilte der Herzog zu seiner unglücklichen Geliebten: Herrin, willst Du, dass ich sterbe? Dann soll mein Leben um deiner Liebe willen, besiegt von deiner Schönheit vergehen. Ich habe den Mut, dem Tod in die Augen zu sehen, aber den Gedanken an Deinen Untergang ertrage ich nicht. Denn wenn ich sterbe, wirst auch du nicht am Leben bleiben. Das ist, was mich in Furcht und Schrecken versetzt. Siehst Du denn das Unglück nicht kommen?

Die Fürstin erwiderte: "Mein Herzog! Tödlicher als alle tausend Tode, die unserer Liebe folgen können, ist für mich die Trennung. Sterben wir zusammen, habe ich den Trost deiner Nähe. So wünsche und befehle ich, wenn Du mich nicht für immer verlieren willst, füge dich meinem Wunsch."

Der Herzog verneigte sich und gab zur Antwort: "Gebieterin, wenn Du sterben willst, dann will ich mit dir sterben." Darauf verließ er sie und ging seinen üblichen Vergnügungen nach.


MADRIGAL_3: te solo adoro


Am 26. Oktober des Jahres 1590 mittags stellt Carlo seiner Frau eine Falle. Er will sie und den Herzog von Andria in flagranti ertappen, um beide gemeinsam töten zu können.

Damit die Fürstin keinerlei Verdacht schöpfte verbreitet Don Carlo die Nachricht, er wolle – wie es seine Gewohnheit war – in Begleitung vieler Freunde und Verwandter auf die Jagd gehen, aber am selben Tag nicht mehr zurückkehren. Mit mehreren Bediensteten verlässt er unter Gepolter den Hof, seinen vertrautesten Dienern erteilte er den Befehl, während der Nacht bestimmte Türen offen zu lassen. Es sollte aber so aussehen, als wären sie geschlossen.

Auf diese Nachricht hin eilt Fabrizio Carafa spät nachts zum Palazzo San Severo und pfeift. Donna Maria erscheint am Balkon, wechselt flüsternd mit dem Geliebten einige Worte, weist ihre Zofe an, eine Kerze anzuzünden und in ihrer Kammer zu warten, bis sie wieder gerufen wird. Dann lässt Donna Maria ihren Liebhaber ein.

Sie begaben sich ins Bett und sanken schließlich, erschöpft vom Liebesspiel in den Schlaf. Inzwischen kehrte der Fürst unerkannt in sein Haus zurück, begleitet von bewaffneten Männern.


TASSO_2: l'alma fugge a volo


Silvia Albana, zwanzig Jahre alt, Zofe der Maria d'Avalos und Pietro Bardotti, ca. vierzig Jahre alt, Kammerdiener Don Carlos' seit achtundzwanzig Jahren im Dienste der Familie Gesualdo, Augen- und Ohrenzeugen, sagen vor dem vierköpfigen Untersuchungskomitee des großen vicarianischen Gerichtshofs aus:

»Gegen Mitternacht hörte der Zeuge seinen Herrn das Glöckchen bedienen: Don Carlo schickte ihn um ein Glas Wasser. Der Zeuge stieg in den Hof hinunter, zum Brunnen und bemerkte dabei, daß die Türe zur Straße offenstand. Als er das Zimmer seines Herrn betrat, sah er ihn angekleidet in Hose und Jacke, und Don Carlo befahl, daß ihm sein Mantel gereicht werde. Verwundert fragte der Zeuge, wohin er zu so später Stunde gehen wolle, und erhielt als Antwort: "Zur Jagd!" - Da der Zeuge einwendete, es sei nicht grad eben die Zeit, in der man zur Jagd ginge, raunte Don Carlo: "Du wirst sehen, welches Tier ich heute jagen werde!" Dann befahl er dem Zeugen, zwei Fackeln zu entzünden, und als dies geschehen war, holte Don Carlo unter seinem Bett ein Schwert hervor und gab es dem Zeugen zum Tragen, ebenso einen Dolch, ein Messer und eine kleine Arkebuse. Danach erklomm er, gefolgt vom Zeugen, die Treppe zu Marias Zimmerflucht und flüsterte, daß er beide umbringen werde, den Herzog von Andria und diese Hure Maria. Der Zeuge bemerkte drei Männer auf der Treppe, von denen jeder eine Hellebarde und eine Arkebuse trug. Nachdem Don Carlo ein Zeichen gab, traten die Männer die Tür ein, die zu Donna Marias Räumen führt.

Die Zeugin wurde aufgeschreckt durch das Geräusch splitternden Holzes und erkannte die Schemen dreier Männer, die ihre Kammer durchquerten und die Tür zum Schlafzimmer Marias aufrissen. Sofort nachdem die drei Männer das Schlafzimmer der Maria d'Avalos betreten hatten, hörte die Zeugin zwei Schüsse. Gleich darauf sah die Zeugin Don Gesualdo, den Gemahl der Donna Maria, die Kammer betreten, und dahinter den Diener Pietro Bardotti, mit zwei flammenden Fackeln in der Hand. Don Carlo sagte zu der Zeugin: »Ah, Verräterin, dich werde ich auch töten! Du wirst mir nicht entkommen!« und rannte in das Schlafzimmer. Den Moment nutzend, flüchtete die Zeugin in das Zimmer, in welchem der Junge [Don Emmanuele] lag, unter dessen Bettchen sie sich verbarg und zu Gott betete, Don Carlo möge dem Kind nichts antun.

Kurz darauf hörte der Zeuge das Knallen von Feuerwaffen, aber keine Stimmen, weil er außerhalb des Schlafzimmers der Dame wartete. Später kam Don Carlo, beide Hände triefend von Blut, aber er drehte sich gleich um, ging ein zweites Mal hinein und rief: »Ich glaub's nicht, daß sie tot ist!« Der Zeuge leuchtete mit einer Fackel hinterher und sah einen toten Körper neben der Tür. Und er sah, daß Don Carlo auf das Bett der Donna Maria sprang und ihr noch einige Wunden zufügte, und dabei rief er immer wieder: "Ich glaub's nicht, daß sie tot ist!" Dann befahl er dem Zeugen, die Frauen am Schreien zu hindern, rannte die Treppe hinunter, und der Zeuge hörte vom Hof her Pferdelärm. Am Morgen stellte sich heraus, daß Don Carlo nicht mehr hier war, noch seine Knechte.«


LAUTE_3: un alma senza core


Bericht des Untersuchungskomitees, aufgezeichnet am Mittwoch mittag des 27. Oktober 1590:

»Im obersten Stockwerk besagten Hauses, ins hinterste Zimmer, traten alle Herren ein, und in diesem Raum wurde ausgestreckt auf dem Boden der höchstberühmte Don Fabrizio Carafa, Herzog von Andria, tot aufgefunden. Dessen einzige Bekleidung war ein weißes Frauennachthemd mit Kragen und Manschetten aus schwarzer Seide und einem Ärmel ganz rot von Blut; und besagter Herzog war durchbohrt von vielen Wunden; im einzelnen: ein Einschußloch im linken Arm, das durch den Ellbogen und sogar durch seine Brust führte, wobei der Ärmel besagten Nachthemds versengt wurde. Des weiteren Zeichen diverser Wunden, verursacht von spitzem Stahl, in der Brust, auf den Armen, auf dem Kopf und im Gesicht; sowie ein weiteres Einschußloch in der Schläfe, woraus großer Blutfluß resultierte.

Nachdem man den Körper des Herzogs gewaschen hatte, konnte man die Wunden deutlich erkennen: Ein Pistolenschuss durch den rechten Arm, den Ellenbogen und die Hüfte; ein weiterer Schuss hat den Kopf von der Schläfe bis zum Auge durchschlagen. Gehirn ist ausgetreten. Ferner viele Wunden an Kopf, Gesicht, Hals, Brust, Schultern – Wunden, die Von Stichen eines scharfen Schwertes stammten. Sie waren ziemlich tief, viele gingen quer durch den Leib. Unter dem Körper waren Löcher im Boden. Sie schienen von den Schwertern, die ihn durchbohrt hatten, herzurühren und waren tief in das Holz eingedrungen.

In selbigem Raum befand sich ein vergoldetes Bett mit Vorhängen aus grünem Tuch, und inmitten besagten Bettes wurde die oben erwähnte Donna Maria d'Avalos tot gefunden, in einem völlig von Blut durchtränkten Hemd, die erschlagen und deren Kehle durchschnitten war. Es fand sich eine Stichwunde neben der rechten Schläfe, eine im Gesicht und eine Anzahl von Messerschnitten auf ihrer rechten Hand und ihrem rechten Arm. Zwei Wunden undefinierbarer Machart zeigten sich auf Brust und Seite. Wunden fanden sich größtenteils in ihrem Unterleib und speziell in jenem Teil desselben, der am ehrenhaftesten gehalten werden sollte. Der Herzog von Andria aber wurde noch schlimmer verstümmelt.«


MADRIGAL_4: il duol m'ancide


Zu einem Prozeß kommt es nie. Formaljuristisch hat Carlo völlig im Einklang zum Recht seiner Zeit gehandelt, doch die Brutalität seines Vorgehens nimmt die Öffentlichkeit gegen ihn ein. Nur wenige haben die Toten nicht beweint und ihnen ihre Sünden nicht komplett vergeben.

Einige Verwandte der Fürstin waren empört über die Tat, auch wenn sie dem Gesetz des Landes entspricht. Donna Maria sei von Knechten und Dienern ermordet worden, deren Hände unwürdig waren, ein so schönes und edles Blut zu vergießen. Allein aus diesem Grunde schon müssten sie Vergeltung üben.

Don Carlo hält sich im kleinen festungsartigen Familienschloss im Ort Gesualdo versteckt. In ständiger Angst vor der Blutrache lässt er den ganzen Wald um das Schloss abholzen, kein Rächer soll sich im Schutz des Forstes unbemerkt nähern können.

Immer wieder quälen Gesualdo schwere Asthma Anfälle aber auch Wahnvorstellungen:

Er würde von einer wilden Horde Dämonen angefallen und gepeinigt. Viele endlose Tage gaben sie ihm keinen Frieden. Zehn bis zwölf eigens für diesen Zweck eingestellte junge Männer mussten ihn drei Mal täglich heftig schlagen. Während dieser Prozedur lächelte er glücklich.

Carlo Gesualdo verstirbt am 8. September 1613 spät abends im 48. Lebensjahr. Er hinterlässt 144 Madrigale in sechs Büchern, 65 geistliche Werke und einige wenige Instrumentalstücke. Ein siebentes Madrigalbuch ist verschollen. Fast 350 Jahre bleiben Gesualdos Kompositionen vergessen.

1688 erregt Carlo ein letztes Mal Aufsehen. Ein schweres Beben erschüttert die Gesù Nuovo, und Carlos gewaltiger Sarkophag verschwindet spurlos im Erdboden.


SOUNDSCAPE_3: non può sentir dolore


Textmontage: Peter Back-Vega und Bernhard Herrmann, überarbeitet von Karlheinz Essl und Thomas Bieber



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Updated: 28 Oct 2023

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