Karlheinz Essl

Portrait KHE

Komponieren mit Räumen

Karlheinz Essl im Gespräch mit Alexandra Grimmer
Museum Liaunig, 21. Juni 2026


Alexandra Grimmer im Gespräch mit dem Komponisten Karlheinz Essl


Im Dialog mit der Kuratorin Alexandra Grimmer spricht der Komponist Karlheinz Essl über seine Soundperformance Zu.Schreibung, die am 21. Juni 2026 im Skulpturendepot des Museum Liaunig im Rahmen der Ausstellung von Robert Tauber uraufgeführt wurde. Der Komponist spielte dort in einem Raum mit extrem langer Nachhallzeit auf selbstgebauten Modular-Synthesizern mit akustischen Resonatoren. Im Lauf des Interviews wird Essls Entwicklung vom partiturenschreibenden Komponisten zum Computermusiker und schließlich zum Performer mit selbstentwickelter modularer Analog-Elektronik skizziert und seine künstlerischen Konzepte beleuchtet.


KHE-Liaunig


Alexandra Grimmer:
Schönen guten Morgen und danke, dass Sie so zahlreich auch schon zu dieser Einführung gekommen sind! Karlheinz Essl kenne ich seit über 30 Jahren, zunächst als Komponisten, der Musik schreibt, die in Konzerten mit zeitgenössischer Musik aufgeführt werden. In den letzten Jahren hat sich da aber ein ganz spannendes Format herausentwickelt. Seit vier, fünf Jahren bekomme ich mit, dass Karlheinz Essl unglaublich gut auf Räume und auch auf verschiedene Situationen reagieren kann mit seiner Musik.

Karlheinz Essl:
Danke, liebe Alexandra, für deine nette Einführung! Zunächst bin ich ein "Schreibtischtäter" gewesen. Ich habe ganz klassisch Komposition bei Friedrich Cerha studiert. Und danach in Paris am IRCAM gearbeitet, einem Institut für Computermusikforschung. Ich habe dann viele Jahrzehnte mit Computern gearbeitet und damit elektronische Musik und Instrumentalmusik komponiert. Nach einer sehr erfolgreichen Residency bei den Salzburger Festspielen 1997 bin ich aber in ein tiefes Loch gefallen. Obwohl meine Werke dort mit den besten Ensembles aufgeführt wurden, war ich total unglücklich. Komisch, ne?

Als Teenager war ich inspiriert vom Wiener Aktionismus und der Wiener Gruppe. Mit Freunden bildete ich die Gruppe der Klaperatisten, mit der wir gemeinsam provokante Aktionen gemacht haben. Zu diesen Performances brauchte man Musik, also haben wir eine Rockband gegründet und Rockmusik gespielt. Und ich war der Lead-Gitarrist. Das war eine unglaublich tolle Zeit, weil wir immer wieder Konzerte gemacht haben. Und das hat mir aber jetzt gefehlt...

Aufgrund meines meiner Neuorientierung als Komponist, bin ich zuletzt in einem Elfenbeinturm gelandet wo ich Partituren verfertigt habe, die dann später von Musikern aufgeführt wurden. Aber trotzdem war ich unglücklich, weil ich den Bezug zu meinem Publikum und auch zu den Räumen verloren habe. Und dann habe ich mir gedacht, okay, ich muss jetzt ein Instrument nehmen und darauf spielen - aber ich hatte kein passendes Instrument...

Alexandra Grimmer:
Das mit den Instrumenten ist auch ganz spannend, wenn man Karlheinz Essl in seinem Studio besucht, das sich nach wie vor im wunderschönen Essl Museum in Klosterneuburg befindet. Dort gibt es eine Sammlung von allen möglichen Instrumenten, auch außereuropäischen. - Du hast doch Kontrabass studiert, richtig? Und was ganz wichtig ist, er beherrscht diese Instrumente! Für's Komponieren war es für dich immer wichtig, auf Instrumenten auszuprobieren, wie das klingt - und dazu muss man sie ja auch spielen können.


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Karlheinz Essl im Studio kHz
Foto: Michael Seeber

Karlheinz Essl:
Ich beherrsche sie überhaupt nicht, trotzdem spiele ich sie! ;-)
Um es kurz zusammenzufassen: Ich habe dann sehr viel Livemusik auf dem Computer gemacht, der zu meinem eigenen Instrument wurde.
Vor einigen Jahren habe ich mit die Frage gestellt, ob ich elektronische Musik auch ohne Computer machen kann. Ich habe sehr früh - bereit in den 1980er Jahren - mit Computern gearbeitet und in diesem Bereich sehr viel geforscht und Software-Tools entwickelt. Aber die Zeiten haben sich radikal verändert. Ich wollte mich nicht einfach auf meinen Lorbeeren ausruhen und das weiterführen, was ich über die Jahrzehnte geschaffen hatte.

2022 machte ich einen radikalen Neustart. Ausgelöst nicht zuletzt vom russischen Angriffskrieges auf die Ukraine. Das hat mich total aus meiner Bahn geworfen. Und als Künstler konnte ich jetzt nicht mehr so weiter machen wie zuvor. Ich musste wieder ganz von vorne anfangen. Mit ganz anderen, ganz einfachen Mitteln. Und so bin ich schließlich zu analogen Klangerzeugern gekommen, die ich mir aus Einzelkomponenten selber zusammenbaue. Dafür entwickle ich Konzepte, wie man mit diesen neuen Instrumenten spielt, die es nur einmal auf der Welt gibt.

Und jetzt kommt der Bildhauer Robert Tauber ins Spiel...


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Ausstellung Robert Tauber im Museum Liaunig
© BMCA / Museum Liaunig


Alexandra Grimmer:
Das mit dem Robert Tauber ist auch eine sehr schöne Geschichte! Ihr habt uns letztes Jahr mit deinen Eltern in Gmunden besucht. Nach dem Kaffeetrinken habe ich gefragt, ob ihr nicht Lust hättet, einen Künstler zu besuchen, der zufälligerweise in der Nähe lebt. Und so kam es zu einem spontanen Besuch bei Robert Tauber. Er wusste natürlich auch, was dein Vater gemacht hat und kennt natürlich das Essl Museum. Und außerdem interessiert er sich sehr für zeitgenössische Musik.

Schon damals war eine Ausstellung seiner Arbeiten im Museum Liaunig geplant. Und es ist so schön, dass du davor schon bei Robert Tauber warst, in seinem wunderschönen Atelier und den verschiedenen Gebäuden, wo sich eine riesengroße Schar - sein ganzes Lebenswerk! - an Skulpturen befindet, die noch nie ausgestellt wurden.

Danach hast du mit Clemens Fürtler das Museum Liaunig besucht und die mutige Idee entwickelt, eine Klangperformance im Rahmen von Robert Taubers Ausstellung im Skulpturendepot zu entwickeln.

Karlheinz Essl:
Ich bin ja immer wieder in diesem wunderbaren Museum. Das Erste, was mich total geflasht hat, war das Skulpturendepot, nicht zuletzt wegen seiner Akustik mit einer extrem langen Nachhallzeit - ein voller Wahnsinn! Für Musik ist das absolut tödlich. Man kann dort eigentlich nichts aufführen. Ausser man verwendet den Raum als Teil der Komposition.

Alexandra Grimmer:
Schwierig ist diese Akustik auch für Sprache, die man einfach nicht mehr versteht.

Karlheinz Essl:
Dieser Raum hat mich unglaublich fasziniert, weil jeder Impuls eine Hallfahne nach sich zieht, die sich mit anderen Impulsen zu Klamgflächen überlagert. So etwas zu komponieren wäre wahnsinnig aufwendig! Da müsste man ein Orchester benutzen. Oder sehr viel Elektronik. Aber das alles macht hier der Raum allein!

Wenn Sie das Skulpturendepot betreten, gibt es einen unglaublichen Lärm, wenn Sie Platz nehmen. Deshalb möchte ich Sie um zwei Sachen bitten: Erstens einmal die Handys auszuschalten. Und zweitens: Bitte seien Sie leise! Jedes Geräusch, das Sie machen, auch wenn Sie mit den Stuhl rücken, hört man über längere Zeit im Raum. Und zuletzt möchte ich Sie bitten, einfach ihre Ohren zu öffnen und sich zu versenken. Was wir heute hören ist eine Meditation. Ich werde selbst erst heute erfahren, was es eigentlich ist, denn dieses Stück hat keinen fixierten Ablauf, sondern entsteht aus dem Moment.

Dafür habe ich sehr viel vorbereitet und ausprobiert. Aber was jetzt wirklich passiert, überlasse ich der Situation und natürlich auch dem Zufall.


Karlheinz Essl: Uraufführung von Zu.Schreibung
Museum Liaunig, 21.6.2026


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Updated: 23 Jun 2026

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