Cover ORGANO/LOGICS

Marie-Theres Himmler

Karlheinz Essl neue Orgel-CD ORGANO/LOGICS

Feature der Sendung Zeit-Ton
Ö1, 31. Mai 2023

oe1-radio-new


Ausschnitt aus der Sendung Zeit-Ton vom 31.5.2023


Der Hauptgegenstand dieses Interviews war die neue CD von Karlheinz Essl, die er Mitte Mai veröffentlicht hat und sein gesamtes Orgelwerk umfasst. Bevor wir ins Detail gehen, ein erster klingender Eindruck:


WebernSpielWerk (2005/2020) performed by Wolfgang Kogert
Track from the album ORGANO/LOGICS (col legno 2023)
Recorded at Hofmusikkapelle Wien


WebernSpielWerk - Music for Anton Webern, gespielt von Wolfgang Kogert, zu hören auf der neuen CD des Komponisten Karlheinz Essl. Das Album ist beim Label col legno erschienen und trägt den Titel ORGANO/LOGICS.

Karlheinz Essl: Der Name der CD bezieht sich einerseits auf die Organologie, also die Orgelforschung: eine physikalische, klangliche und künstlerische Erforschung dieses Instruments. Der andere Aspekt ist die Logik, die wiederum einen Bezug zu meinem kompositorischen Denken hat mit Algorithmen und Systemtheorie. Das verbindet mich auch sehr stark mit Anton Webern, der ähnlich konzeptionelle Zugänge hatte, aber. anders gelöst. Die Orgel als Organ hat etwas Fleischliches, Menschliches, Tierisches und Körperliches; auf der anderen Seite steht das Geistige, Metaphysische, Logische und Spirituelle. Diese beiden Ideen spiegeln sich auch in einem Bild-Sujet des Albums wieder, einer hydraulische Orgel, die ich in der tausendseitigen "Musurgia Universalis" des deutschen Jesuiten und Universalgelehrten Athanasius Kircher gefunden habe. Das ist für mich ein bildgewordenes Symbol für meine CD: einerseits die Orgel, ein uraltes Instrument aus der Antike, angetrieben ist von einer Maschine mit Zahnrädern. Man sieht einen wasserbetriebenen Motor der eine Walze antreibt, wo bestimmte Löcher ausgestanzt sind, die bei ihrer Umdrehung bestimmte Pfeifen der Orgel freigibt und damit eine vorkomponierte oder vorprogrammierte Musik abspielt.


Athanasius Kircher, Musurgia Universalis, hydraulic organ

Athanasius Kircher: Pythagoreïscher Musikautomat
in: Musurgia Universalis (1650), tom. II, vol. IX, fol. 347
Credit: Wellcome Library, London. Wellcome Images


Das vorliegende Album enthält alle Orgelwerke von Karlheinz Essl. Der Entstehungszeitraum der insgesamt elf Werke liegt zwischen den Jahren 1986 und 2021. Eingespielt hat sie der Wiener Hofkapellorganist Wolfgang Kogert. In der Begegnung mit ihm liegt auch der Ursprung dieses Aufnahmeprojekts.

KHE: Wir haben uns 2017 kennengelernt, als er das Stück "Partikel-Bewegungen" gemeinsam mit Anna Clare Hauf aufgeführt in der Hofburgkapelle aufgeführt hatte. Ich war so begeistert von seinem so offenen und experimentellen Ansatz und Einsatz, dass ich ihm vorgeschlagen habe, gemeinsam ein Jahresprojekt mit meinen Studierenden zu machen zum Thema Orgel und Elektronik. Das haben wir dann tatsächlich durchgezogen, haben uns mit den Studierenen oftmals in Hofburgkapelle getroffen und unter seiner fachkundigen Anleitung die Orgel in allen Einzelheiten auseinandergenommen und neu zusammengesetzt.

Karlheinz Essl war durch die intensive Auseinandersetzung selbst auf den Geschmack gekommen. Wieder, könnte man sagen, denn schon in jungen Jahren hat die Orgel eine große Faszination auf ihn ausgeübt. Und es war nicht zuletzt die Zeit der Corona-Pandemie, die viel Raum gelassen hat, dieser Faszination gemeinsam mit Wolfgang Kogart nachzugehen.

KHE: Wir haben uns in dieser Zeit sehr oft in der Hofburgkapelle getroffen und die verschiedensten Sachen ausprobiert. Und er hat mir dann vorgeschlagen, ob es nicht Stücke gäbe, die man für die Orgel adaptieren könnte. Und so ist dann nach und nach ein ganzes Orgelwerk entstanden. Natürlich gibt es auch Originalkompositionen, aber viele Stücke der CD sind eigentlich Bearbeitungen für die Orgel.

Ursprünglich für Melodica geschrieben und dann für Orgel adaptiert, nimmt das erste und mit Abstand kürzeste Stück des Albums humorvoll Bezug auf diese Zeit. vingt secondes - 20 Sekunden Musik, die helfen sollen, die Zeit zum Händewaschen während der Covid-19-Pandemie zu überbrücken.


vingt secondes (2020) performed by Wolfgang Kogert
Track from the album ORGANO/LOGICS (col legno 2023)
Recorded at Hofmusikkapelle Wien


Das Orgelwerk von Karlheinz Essl ist vielfältig.Kein Stück gleicht in seiner Machart dem anderen. Und auch die Entstehungshintergründe sind divers.

KHE: Mein Ansatz ist es immer, einen neuen Weg zu finden. Meine erste richtige Orgelkomposition habe ich für die Eröffnung der neuen Riesenorgel im Stephansdom für den Domorganisten Konstantin Reymaier geschrieben. Er hat die Idee gehabt, dass verschiedene Komponisten und Komponistinnen aus seinem Umfeld kurze Variationen über ein sehr bekanntes Wiener Heurigenlied, nämlich den "Der Herrgott aus Sta", komponieren. Als er mir das vorgeschlagen hat, habe ich im ersten Moment gedacht, dass ich dafür der Falsche bin. Da gibt es sicher andere, die das besser können. Aber ich habe das dann als Challenge angenommen und dann schließlich ein Klangstück geschrieben, das mit dem chromatischen Material dieses Stücks arbeitet.


HerrGott! (2019) performed by Wolfgang Kogert
Track from the album ORGANO/LOGICS (col legno 2023)
Recorded at Hofmusikkapelle Wien


HerrGott!, Karlheinz Essls komponierter Kommentar zu Karl Hodinas Wienerlied "Herrgott aus Sta". Ein Klangstück, so steht es im Beiheft zur neuen CD von Karlheinz Essl, "dessen schimmernde Harmonik von der Chromatik der Vorlage durchtränktist und sich wie elektronische Musik prozesshaft entfaltet."

KHE: Was die Orgel normalerweise auszeichnet, ist eine gewisse Majestätik, eine Strenge und Belehrung, was mich nie interessiert hat. Ich sah die Orgel mehr als ein atmendes Wesen mit viel Luft und vielen Pfeifen und vielen Klängen und Farben, und habe meine Stücke eigentlich immer so klanglich, ich möchte fast sagen - elektronisch - gedacht.

Bereits in den 1980er Jahren hat Karlheinz Essl im Computer sein bevorzugtes Medium gefunden und algorithmische Prinzipien zum Komponieren verwendet. Gleichzeitig beschäftigt er sich gerne mit sowohl traditionellen als auch elektronischen Instrumenten. Er experimentiert mit Klangkörpern und lotet Spieltechniken aus, um zu Ideen für neue musikalische Formen zu gelangen. Für diesen unkonventionellen Zugang zu Instrumenten hat sich die Kuhn-Orgel in der Hofburgkapelle, wo das gesamte Album aufgenommen wurde, bestens geeignet.

KHE: Das ist ein Juwel! Eine barocke Orgel, aber mit erweiterten Registern, die schon in Richtung Romantik geht. Und das Besondere ist das Schwellwerk. Damit kann man die Orgel auch dynamisch spielen, indem man mit einem Pedal dynamische Veränderungen der Lautstärke machen kann. Dabei wird eine Jalousie vor den Orgelpfeifen auf- und zugemacht. Damit kann man den Klang sehr schön abphrasieren. In vielem Stücken meiner CD wird das verwendet weil es mir immer wichtig war, die inherente Starrheit des Orgelklangs aufzulösen. Das geht einerseits mit dem Schwellpedal, aber auch mit der Registrierung. Diese Orgel hat eine mechanische Traktur, die einen unmittelbareb körperlichen, physischen Zugang zu den Registerzügen ermöglicht. Durch langsam gezogenes Registerbewegungen kann ich den Klang sozusagen ein- und ausfaden. Nur ist das nicht so linear wie bei einem Mischpult, sondern es entstehen in diesem Übergangsprozess sehr viele geräuschhafte Farben, bis sich dann nach und nach, wenn genug Luft da ist, der Orgelklang als solcher entfaltet.

Das Spiel mit den Register ist die Hauptingredienz des Stückes "unbestimmt" aus dem Jahr 2020, eine Choreografie der Registerzüge auf einer sich langsam verändernden harmonischen Struktur.


unbestimmt (2020) performed by Wolfgang Kogert
Track from the album ORGANO/LOGICS (col legno 2023)
Recorded at Hofmusikkapelle Wien


Ein Ausschnitt aus unbestimmt, interpretiert von Wolfgang Kogart, in dem der Komponist Karlheinz Essl einen experimentierfreudigen, fachkundigen, schlichtweg idealen Partner mit viel Sinn fürs Detail gefunden hat. Er hat sämtliche Werke für das Album "ORGANO/LOGICS" eingespielt. Für das Stück "Partikel-Bewegungen" gibt es einen Gastauftritt der Mezzosopranistin Anna Clare Hauf.
KHE: Das war eine tolle Kooperation mit der Anna Clare Hauf, die ich schon lange kenne und auch als Improvisationsmusikerin sehr schätze. Sie hatte 2017 dieses Stück mit Wolfgang Kogod schon einmal aufgeführt. Es handelt sich um eine grafische Partitur, die 1991 für eine Performance mit dem Sprayer von Zürich, Harald Naegeli, komponiert hatte. Das Gute an grafischen Notationen ist, dass sie sehr offen sind und dass man sie auch gut adaptieren kann. Aber es gibt auch eine ganz genaue Gebrauchsanweisung. Diese Zeichen und ihre Position auf dem Papier sind ganz genau definiert, trotzdem gibt es viele interpretatorische Gestaltungsmöglichkeiten. Anna Clare Hauf hat mich insofern überrascht, als sie mit Kunststoff- und Pappröhren zu den Proben gekommen ist, um ihre Stimme an bestimmten Stellen quasi zu filtern. Deswegen klingt sie auch so unglaublich, dass man sie gar nicht mehr als menschliche Stimme wahrnimmt.


Partikel-Bewegungen (2020) version for organ and voice, performed by Wolfgang Kogert and Anna Clare Hauf
Track from the album ORGANO/LOGICS (col legno 2023)
Recorded at Hofmusikkapelle Wien


Partikel-Bewegungen, hier als expressives Duo für Stimme und Orgel, interpretiert von Wolfgang Kogert (Orgel) und Anna Clare Hauf (Mezzosopran). Auch der Komponist des Albums, Karlheinz Essl, ist auf zwei der Aufnahmen zu hören. Elektronische Klangspuren hinterlässt er im Stück "Après l'avant" und "Orgue du Cologne". Letzteres ist Essls allererstes, wenn auch elektronisch komponiertes Orgelstück aus dem Jahr 1986, das als Bonus-Track Eingang auf die CD gefunden hat.

KHE: Wir hatten die zehn Tracks eingespielt, und dann habe ich zu unserem Tonmeister Jens Jamin und Wolfgang Kogert gesagt, dass es noch ein elftes Stück gäbe: eine Jugendsünde. Das habe ich bereits 1986 komponiert, als ich noch Kompositionsstudent von Friedrich Cerha war. Im "Studio für elektronische Musik" der mdw habe ich damals ein Tonbandstück nur mit Bandschnitt gemacht. Denn zu dieser Zeit hatten wir noch keine Computer. Das Problem ist, dass dieses Stück nur mono ist, sehr star rauscht, weil es nicht gut aufgenommen worden ist und sich so nicht in die CD eingefügt hätte. Gemeinsam mit dem Tonmeister habe ich eine Audio-Restaurierung dieses fast 40 Jahre alten Material gemacht, und diese verbesserte Aufnahme mit einem Lautsprecher aus der Empore in den Kirchenraum abgespielt. Dabei habe ich den Lautsprecher bewegt und so eine Art Spatialisierung des Klanges gemacht. Das haben wir dann mit Mikrofonen im Kirchenraum aufgenommen. Und das klingt jetzt wirklich so, als wenn das für diese CD gemacht worden wäre. Es integriert sich total auch in den Gesamtklang des Albums.


Orgue de Cologne (1986/2022) - electronic music
Produced by Karlheinz Essl at the Institute for Electro-Acoustic Music
mdw - University of Music and Performing Arts, Vienna

Restored sound with natural room acoustics
Re-issued for the CD ORGANO/LOGICS (col legno 2023)


Orgue de Cologne. Mit diesem restaurierten Stück schließt sich der Kreis im Orgel-Oeuvre von Karlheinz Essl, das er auf seinem neuen Album ORGANO/LOGICS gemeinsam mit dem Organisten Wolfgang Kogart aufgenommen hat. Die CD ist beim Label col legno erschienen.



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Updated: 5 Jun 2023

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