Christian Scheib

Der Ruinenbaumeister und seine Wolkenkuckucksburgen

Über Karlheinz Essls (Orgel)werk und die Spielregeln als Werk
Liner-Notes für die CD ORGANO/LOGICS (col legno 2023)

English version...


Kircher, Musurgia universalis, hydraulic organ

Athanasius Kircher: Musurgia universalis (1650), hydraulic organ
Credit: Wellcome Library, London. Wellcome Images


„Die Spirale als strukturiertes Chaos“ war der erste Text überschrieben, den Musikpublizist Christian Scheib über den Komponisten Karlheinz Essl geschrieben hat. Das war im Jahr 1989 zu lesen im Katalog zur zweiten Ausgabe des Festivals Wien Modern und das ist erstaunlicherweise fast 35 Jahre her. Was genau dieses sprachliche Bild mit seinen begrifflichen Bestandteilen „Spirale“, aber vor allem eben „Struktur“ und „Chaos“ sagen soll und will, weiß ich bis heute nicht exakt zu benennen, aber ich würde auch jetzt nicht davor zurückscheuen, etwas zu schreiben, das auf ähnliche Weise so präzise wie mysteriös zugleich, und darüber hinaus im Wissenschaftsjargon der Gegenwart verankert ist.

Wie es dazu kam und kommt? Selbstverständlich ist es das Denken und das musikalische Werk von Karlheinz Essl selbst, das zu solch vermeintlichen begrifflichen Paradoxien herausfordert, damals wie heute. Und es ist dem Werk von Karlheinz Essl über Jahrzehnte hinweg eingeschrieben, dass die Arbeit am Werk oftmals eine Arbeit an den Spielregeln des Werks ist; dass das Werk, oder: die Essenz des Werks, letztlich aus einer Bloßlegung der Spielregeln besteht. Aus solchen Voraussetzungen entstehen selten brav überschaubare Werke, die in sich abgeschlossenen sind und bleiben, Werke, die sich nach der Fertigstellung nicht mehr verändern. Wenn das Bloßlegen der Spielregeln mehr zur Charakteristik eines Werks beiträgt, als eine bestimmte und unabänderliche Abfolge von Klängen, dann liegt der Zielpunkt weniger im Realen als im utopisch Angestrebten; dann ist das bewusste Bauen eines dauerhaften Provisoriums, das Konstruieren von etwas Veränderlichem oder einer perfekten Ruine ein essentieller Weg in Richtung einer Utopie zwischen den Welten. Und weil man eben selbst einer Utopie auf keinen Fall eine statische Unveränderlichkeit zugestehen will, liegt das Ziel eben zwischen den Welten, ist das Ziel eine veränderliche Utopie zwischen den Welten, eine Burg, ein Heim, ein Reich, wie auch immer man Aristophanes übersetzen mag, zwischen Erde und Himmel, eine Wolkenkuckucksburg eben. Wir sind auf der Spur eines Ruinenbaumeisters von Wolkenkuckucksburgen.

Es mag fast 35 Jahre her sein, dass „Die Spirale als strukturiertes Chaos“ titelgebend und identitätsstiftend wurde, eine Durchsicht und ein Durchhören der aktuellen Stücke für Orgel von Karlheinz Essl, realisiert von Wolfgang Kogert auf dieser CD, lässt aber ebenfalls und nach wie vor den hohen Stellenwert des Spiels mit den Spielregeln erkennen: WebernSpielWerk macht schon im Titel seine Absicht ebenso klar wie Puzzle of Purcell. Dass aber der Komponist und Konzeptionist Karlheinz Essl in seinen Stücken niemals nur mit der Vergangenheit tändeln würde, sondern immer streng konzeptioniert, ist dem Stücktitel tenet opera rotas – auf ein legendäres Palindrom anspielend – oder dem Stück Listen Thing; mit seinen hörbar palindromisch-kanonischen Variationen zu entnehmen. Angemerkt sei jetzt in Bezug auf diese CD mit Orgelwerken von Karlheinz Essl noch, dass auch Werke mit Titeln wie Partikel-Bewegungen, zu realisieren nach einer graphischen Partitur, oder schlicht unbestimmt, Indizien sind für ein Werkverständnis des zwar werktechnisch Fixierten, Abgeschlossenen, aber dennoch Veränderlichen, für die Kunst eines, im positivsten Sinn des Wortes, unermüdlichen Ruinenbaumeisters von utopischen Wolkenkuckucksburgen.

Selbstverständlich treffen solche Beobachtungen vom Palindrom zur konzeptionellen Offenheit auch auf andere Esslwerke als die Orgelwerke zu. Von et consumimur igni aus 1990, dessen Titel, korrekt ergänzt, ebenfalls ein Palindrom ergibt, über das Lexikon-Projekt mit Schriftsteller Andreas Okopenko zu jenen, die als Gold.Berg.Werk Johann Sebastian Bach weiterspinnen, dekonstruieren und rekonstruieren.

Post scriptum: „Der Ruinenbaumeister“ ist ein seltsamer Roman von Herbert Rosendorfer aus 1969, der mir damals, also 1989, als der erwähnte Text über das Komponieren von Karlheinz Essl entstand, schon lange bekannt war. Erwähnt wurde der Ruinenbaumeister damals dennoch nicht, obwohl der so komplex konstruierte wie phantasmagorische Roman auf der letzten Seite enthüllt, dass der titelgebende Ruinenbaumeister ein Denkmal hinterlassen hat, dessen Aufschrift es nie gegeben hat. Doch da der Ruinenbaumeister seinem Selbstverständnis entsprechend sehr wohl die Löcher für das Fixieren der Buchstaben hinterlassen hat, kann ein findiger Geist die konzipierte, aber nicht ausgeführte Inschrift dennoch identifizieren: „sator arepo tenet opera rotas“.

Nicht bewusst, also zumindest nicht in dieser Detailgenauigkeit bekannt, war mir damals, dass Karlheinz und ich, wie wohl viele Generationskolleg/innen auch, mehr oder weniger dieselben Bücher in denselben Jahren gelesen hatten. Wissen tu ich das ja auch erst, seitdem Karlheinz 2018 einer Anfrage von Andrea Maria Dusl folgend, die ihn geprägt habenden Bücher veröffentlicht hat. Neben John Cage und Karlheinz Stockhausen sind unter den Autoren James Joyce und Gerhard Rühm samt der Wiener Gruppe zu finden. Das überrascht natürlich nicht, aber manch weitere Übereinstimmung ist dann doch bemerkenswert. „Die Spirale als strukturiertes Chaos“ hat es 1989 im Wien Modern Katalog geheißen, 1984 war Ilya Prigogines und Isabelle Stengers “Order Out of Chaos” erschienen. Das von Umberto Eco proklamierte „offene Kunstwerk“ war ebenso Teil unseres alltäglichen beziehungsweise allnächtlichen Diskurses wie Jorge Luis Borges‘ „Die Bibliothek von Babel“. Paul Watzlawick fragte uns „Wie wirklich ist die Wirklichkeit?“ und ich muss Karlheinz demnächst mal fragen, wann er eigentlich den Sammelband „Wissen und Gewissen“ von Heinz von Foerster aus 1993 gelesen hat. Oder den schon 1973 erstmals publizierten Aufsatz „Über das Konstruieren von Wirklichkeiten“, aus dessen Schlussabsatz der Hörimperativ für diese Orgelplatte stammen könnte oder sollte:

Der ästhetische Imperativ: Willst Du erkennen, lerne zu handeln.
Der ethische Imperativ: Handle stets so, dass die Anzahl der Möglichkeiten wächst.

© 2022 by Christian Scheib

in: Booklet zur CD ORGANO/LOGICS (col legno 2023)


wk+khe-orgelpfeifen

Wolfgang Kogert and Karlheinz Essl
Foto © 2022 Maria Frodl


Christian Scheib

The architect of ruins and his cloud-cuckoo-castles

Karlheinz Essl: His (organ) oeuvre and the underlying rules
Liner-Notes für die CD ORGANO/LOGICS (col legno 2023)


“The spiral as structured chaos” was the title of the first text by music writer Christian Scheib that featured the composer Karlheinz Essl. The year was 1989, the medium was the catalogue for the second edition of the Wien Modern festival. And amazingly, nearly 35 years have passed since then. The exact meaning or intended meaning of the image I used, and of the concepts it comprised – “spiral” and, in particular, “structure” and “chaos”, I am still unable to define, but even today I would not shrink from writing something that is, in a similar way, both precise and mysterious, and rooted in contemporary scientific jargon.

Where did (and do) these associations come from? It is, of course, the ideas and the musical oeuvre of Karlheinz Essl himself that inspire these seemingly paradoxical concepts, both then and now. And it has been inscribed in Karlheinz Essl’s oeuvre across the decades that working on his compositions often means working on the underlying rules; that the composition, or the essence of the composition, is ultimately an act of exposing the underlying rules. Such an approach rarely produces well-behaved, predictable works that are, and remain, self-contained, works that, once completed, never change. If the exposure of the underlying rules has a stronger impact on the character of a composition than any specific, unchanging sequence of sounds, then the goal is located, not so much in the realm of the real but rather in a utopia aspired for; then the deliberate creation of a permanent provisional solution, the construction of something changeable, or of a perfect ruin, is an essential step on the way to a utopia between the worlds. And because we do not even want a utopia to be static and never-changing, the goal is located between the worlds, it is a changeable utopia between the worlds, a castle, a home, an empire, however you choose to translate Aristophanes, between heaven and earth, it is just that: a cloud-cuckoo-castle. We are on the trail of an architect of ruins, a builder of cloud-cuckoo-castles.

It may have been nearly 35 years ago that “The spiral as structured chaos” became eponymous and a source of identity; yet on reviewing and listening to Karlheinz Essl’s latest selection of organ music, realized by Wolfgang Kogert on this album, the importance of playing with underlying rules still becomes immediately apparent: WebernSpielWerk (WebernMusicalBox) makes its intention clear in the title, as does Puzzle of Purcell. But that the composer and concept designer Karlheinz Essl would never confine himself to dallying with the past but always drafts a precise concept, is obvious from the title of the track tenet opera rotas – which alludes to a famous palindrome – or from the piece Listen Thing and its audibly palindromic-canonic variations. One final comment on this compilation of organ music by Karlheinz Essl: compositions entitled Partikel-Bewegungen; (Particle Movements), to be realized on the basis of a graphic score, or simply ;unbestimmt (indefinite, undetermined, undefinable) also suggest an understanding of works of art as technically fixed and completed, but nevertheless changeable, suggest that these works were created by a – in the best sense of the word – tireless architect of ruins and utopian cloud-cuckoo-castles.

Naturally, the observations regarding palindromes and conceptual open-mindedness also apply to compositions by Essl other than those for organ: from ...et consumimur igni of 1990 (completed correctly, the title turns out to be yet another palindrome) to the Lexikon-Projekt realized in collaboration with the writer Andreas Okopenko, or Gold.Berg.Werk, a project dedicated to extrapolating from and de- and reconstructing Johann Sebastian Bach.

post scriptum: “The Architect of Ruins” is a curious novel by Herbert Rosendorfer, published in 1969. Even though I had long been familiar with the story before I wrote the 1989 text about Karlheinz Essl’s compositional work, I made no mention of it in my text; and yet on the last page of the complex, phan- tasmagorical novel it is revealed that the eponymous Architect of Ruins left a monument missing its inscription; however (consistent with the Architect’s self-image), he did leave the holes intended to be used for attaching the letters, enabling a quick-witted observer to identify the planned but unrealized inscription: “sator arepo tenet opera rotas.”

At the time I was not aware, or at least not in any detail, that Karlheinz and myself, like probably many others of our generation, had been reading more or less the same books during the same years. I actually only learned of this when in 2018, in response to a request by Andrea Maria Dusl, Karlheinz published a list of the books that most influenced him. The authors include John Cage and Karlheinz Stockhausen, James Joyce and Gerhard Rühm, including the Wiener Gruppe. This is by no means a surprise, but several other matching nominations do appear remarkable: “The spiral as structured chaos” was the title that appeared in the 1989 Wien Modern catalogue, and only a few years earlier, in 1984, Ilya Prigogine’s and Isabelle Stenger’s “Order Out of Chaos” had been published. The “open work of art” proclaimed by Umberto Eco was one of the subjects featuring in our daily (or nightly) discussions, as was Jorge Luis Borges’ “The Library of Babel”. Paul Watzlawick asked us, “How Real is Real?”; and one of these days I need to ask Karlheinz when exactly he came across Heinz von Foerster’s 1993 anthology “Wissen und Gewissen” (Knowledge and Conscience), or the essay “Über das Konstruieren von Wirklichkeiten” (On the Construction of Realities), first published in 1973; its final paragraph might or should serve as a listening imperative for this organ music album:

The aesthetic imperative: If you want to see, learn how to act.
The ethical imperative: Act always so as to increase the number of choices.



Home Works Sounds Bibliography Concerts


Updated: 8 Mar 2023

Web
Analytics