Karlheinz Essl

Portrait KHE

Von CAN über Stockhausen zur Elektronischen Musik

Karlheinz Essl im Gespräch mit Astrid Rieder
Wien @ Kunstraum Ewigkeitsgasse, 11. November 2023

Erstsendung: Radio FRO 24.02.2024


Im Gespräch mit der transArt Künstlerin Astrid Rieder - aufgenommen am 11.11.2023 im Kunstraum Ewigkeitsgasse in Wien - spricht der Komponist und Klangkünstler Karlheinz Essl über einige zentrale Aspekte seines künstlerischen Denken und Handelns:

Danach erläuterte die Künstlerin Astrid Rieder ihr Konzept von trans-Art, bevor wir in einen freien Dialog von Klang und Bild treten.

Die daran anschließende spontane Impro-Session mit Ed Reardon (Klavier) und Herbert Lacina (Bass) war das Gründungsmanifest unseres experimentellen Ensembles m!ndf*kc, das in diesem Jahr noch öfters zu hören sein wird!


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Astrid Rieder: Liebe Hörerinnen und Hörer, Im November des Vorjahres konnte ich mit dem österreichischen Komponisten, Elektronik-Performer, Musikkurator und Kompositionsprofessor Karlheinz Essl in der Ewigkeitsgasse in Wien eine transArt-Performance gestalten. Hören Sie zuerst ein, wie ich meine, sehr interessantes Gespräch mit dem Klangkünstler über unseren gemeinsamen Blind Gig. Im Anschluss daran hören Sie den akustischen Part der Performance vom November des Vorjahres in der Ewigkeitsgasse.
Lieber Karlheinz, möchtest du unseren Zuhörerinnen und Zuhörern verraten, welches Instrument du für unsere gemeinsame transArt-Performance mitgebracht hast?

KHE: Bei mir ist es so, dass ich mich nie wiederhole. Das ist jetzt meine dritte transArt-Performance mit Astrid Rieder. Ich habe mir gedacht, ich möchte irgendetwas Neues machen. Eigentlich wollte ich mit einem großen 16-kanadigen No-Input-Mixer auffahren, nur ist das nicht transportierbar ohne Auto und ich wollte nicht mit dem Auto herkommen, aus verschiedenen naheliegenden Gründen. Und habe mich entschieden, dass ich mit einem ganz kleinen Mischpult arbeite, das so verschalten ist, dass es Rückkoppelungen erzeugt. Und ich verwende aber auch gleichzeitig meinen kleinen 0-COAST Modular Synthesizer, den ich beim letzten Mal schon im Einsatz hatte. Das ist jetzt ein Hybrid-Instrument. Und das ergibt auch natürlich klanglich viel mehr Möglichkeiten, weil man da auch mehrschichtig arbeiten kann.


ewigkeitsgasse

Setup Karlheinz Essl (im Hintergrund Astrid Rieder)
Kunstraum Ewgkeitsgasse, 11.11.2023


Von der E-Gitarre zur Elektronischen Musik

AR: Du hast, wenn man jetzt zurückgeht, jahrelang Klavier gespielt, dich als Jugendlicher der E-Gitarre zugewandt und in einer Band Rockmusik gespielt. Wie bist du anschließend zur neuen und experimentellen Musik beziehungsweise auch zur Komposition gekommen?

KHE: Schuld daran war die deutsche Krautrockband CAN, die ich mit fünfzehn Jahren zum ersten Mal gehört hatte. Meine Cousine, mit der ich einen Platten-Kassetten-Austausch hatte, hat mir einmal eine Platte überspielt und ich war dermaßen fasziniert von dieser Musik, die ich noch nie vorher gehört habe. Dann habe ich nachrecherchiert, was das für Menschen sind und bin draufgekommen, dass zwei von denen bei einem gewissen Karlheinz Stockhausen studiert haben. Und ich dachte, den Mann muss ich mir mal anschauen. Dann bin ich in die Bibliothek in Wien, in die Hauptbibliothek, die war damals noch in der Skodagasse, und habe im Katalog geschaut, was gibt es denn von Stockhausen? Und das waren dann einige Bücher da, Texte zur Musik und eine Schallplatte, die KONTAKTE für elektronische Klänge. Und ich habe mir die Schallplatte angehört und habe mir gedacht, um Gottes Willen, was ist denn das für eine merkwürdige Musik? Aber sie hat mich nicht losgelassen und ich habe gewusst, es gefällt einem etwas umso besser, je mehr man sich damit beschäftigt und je mehr man sich damit auseinandersetzt. Und habe mir dann mit meinem bitteren zusammengesparten Taschengeld im Schallplattenladen in Wien um 160 Schilling eine Schallplatte gekauft von den Kontakten von Stockhausen. Und die habe ich jetzt drauf und drunter gespielt, sozusagen "in heavy rotation". Und dann bin ich so in diese Musik hineingefallen, dass ich gesagt habe, okay, sowas möchte ich auch machen.


Digital vs. Analog

AR: Und heute, viele Jahre später, beschäftigst du dich erstmals mit analogen Synthesizern. Wie ist es dazu gekommen und wieso nicht schon früher?

KHE: Ich habe mich früher schon damit beschäftigt, weil in der Zeit, wo ich elektronische oder experimentelle Musik gemacht habe, ich hatte selbst noch keine Computer. Mich hat das unglaublich genervt, am Tonband herumzuschnipseln. Und ich war so froh, dass ich dann in den 80er Jahren schon mit Computern arbeiten konnte und habe damit auch wirklich ganz tolle, interessante Sachen entdeckt und erleben können. Aber irgendwann habe ich mir gedacht, es muss wieder einen anderen Weg geben und ich muss mich neu erfinden. Und das war vor eineinhalb Jahren, wo ich mir gesagt habe, ich möchte mal elektronische Musik ohne Computer machen, ohne Software. Und bin dann natürlich ganz naheliegend auf den Analogsynthesizer gekommen. Ich wollte als Jugendlicher, wie ich damals in Bands gespielt habe, immer einen Moog-Synthesizer haben. Und das war natürlich total illusorisch, sowas zu besitzen. Und es kam dann dieser Mini-Moog heraus, der auch sehr bekannt geworden ist durch Herbie Hancock und Weather Report und weiß Gott, wer denn alles gespielt hat. Und ich habe mir beim For Music Musikgeschäft in der Alserstraße die Nase platt gedrückt an der Windschutzscheibe und habe da immer diesen Minimoog in der Auslage gesehen und gesagt, den werde ich mir nie leisten können. Und ich bin auch sehr froh, dass ich nie mit diesem Instrument in Berührung gekommen bin, weil es nämlich eigentlich gar nicht das ist, was mich interessiert an einem Synthesizer. Ich möchte damit weder eine E-Gitarre noch eine Flöte nachmachen, sondern ich möchte eine Musik erzeugen, die es noch nicht gibt. Und eine Tastatur ist sehr hinderlich und deswegen ist dieser Modularsynthesizer, den ich jetzt verwende, obwohl er so klein ist, unglaublich mächtig, weil man ihn ganz frei verschalten kann. Man könnte zwar eine Tastatur anschließen, aber ich mache das einfach nicht.

AR: Einen analogen Synthesizer kann man im Vergleich zum recht abstrakten Computer sehr haptisch bedienen. Welchen Unterschied macht das bei der Musikerzeugung?

KHE: Auch meine eigenen Computerprogramme sind haptisch zu bedienen! Ich habe immer mit Sensoren und mit Reglern gearbeitet, mit verschiedenen Interfaces, weil mir das Körperliche wichtig ist. Der Unterschied ist allerdings, dass das Digitale halt immer eine Simulation von einer unendlichen, analogen, kontinuierlichen Realität ist. Das heißt, es gibt immer nur Abtastungen von Zahlenwerten, aber es gibt kein Kontinuum. Und beim Analogen ist das vorhanden und das erzeugt Übergänge und Klangnuancierungen, die man im Digitalen nicht zustande kriegt, weil das halt oft nicht lineare Systeme sind, die in Zustände kommen, wo sie chaotisch werden und dann wird es eigentlich richtig spannend. Und das kann man zwar digital simulieren, aber es ist halt eine Simulation und es hat nicht diese Lebendigkeit und diese hohe Ausdruckskraft von diesen analogen Schaltungen. Man muss allerdings damit Musik machen. Das sind reine technische Gegebenheiten, aber die müssen ja erst zum Leben erweckt werden. Und das ist halt die große Arbeit gewesen, das über eineinhalb Jahre lang zu erforschen.


Improvisation

AR: Könnte man sagen, dass du dich mit deinem Instrument gerade beim Improvisieren in einem Dialog befindest? Denn das Verhalten der rückgekoppelten, nicht-linearen Systeme ist ja nicht genau berechenbar, genauso wie das Verhalten eines Gegenübers Überraschungen oder Widerstände mit sich bringen kann.

KHE: Das ist sehr schön beobachtet! Das Problem beim Solo-Improvisieren ist das Fehlen eines Gegenübers. Wenn ich mit mir selbst improvisiere, ist das ziemlich lustlos oder irgendwie blöd. Es braucht immer einen Partner oder eine Instanz, an der man sich reibt. Und in dem Fall ist es wirklich so, dass dieses Instrument so ein Eigenleben hat, das mich natürlich anstachelt. Andererseits versuche ich es, viele aus dem herauszulocken, andererseits versetzt es mich manchmal in Situationen, wo ich damit einfach nicht fertig werde. Und das ist natürlich auch ein klanglicher, schöner Prozess, wenn man das spürt, dass dieser Widerstand auch kommt und man darauf antworten muss.

AR: Kommen wir zum Verhältnis zwischen Chaos und Ordnung, mit dem du dich ja befasst hast. Widersprechen sich diese beiden Elemente in der Kunst oder braucht es vielleicht beide zugleich?

KHE: Also wenn man das dialektisch sieht, dann sind Chaos und Ordnung keine Gegensätze, sondern sind Extrempositionen einer unendlichen Skala, wo das Chaos an einem Ende angesiedelt ist und die Ordnung am anderen. Und das ist das Schöne, wenn man auf dieser Skala Schlitten fährt.

AR: Ist es möglich, dass deine Entwicklung dich auch wieder zum Computer trägt oder läuft das Analoge und das Digitale bei dir sowieso parallel?

KHE: Nein, sie laufen natürlich parallel! Den Computer habe ich jetzt nicht eingemottet; im Gegenteil, ich verwende ihn immer mehr. Aber das Analoge ist eine eigene Schiene, die ich jetzt für mich erforsche. Da gibt es auch keine Aufträge dahinter oder irgendwelche Leute, die mich dazu motiviert haben, sondern das kam aus einem ganz eigenen Bestreben, für mich etwas Neues zu entdecken. Und das gehört nur mir. Ich meine, ich teile das gerne mit dir zum Beispiel oder gestern mit dem Erwin Uhrmann, da waren wir auf der BuchWien und haben dort eine kurze Text-Soundperformance gemacht. Das sind wunderschöne Sachen, das ist für mich fast so etwas wie ein Hobby, wenn man das so sagen will.

AR: Du hast in verschiedenen Formationen immer wieder live unter dem Motto "Blind Gig" improvisiert. Man spielt zusammen, ohne zuvor geprobt zu haben, vielleicht sogar ohne sich zu kennen. Ähnlich einer transArt-Performance. Was interessiert dich an der kollektiven Improvisation?

KHE: Ich muss kurz dazu sagen, dass die Resultate, die dabei entstehen, mehr sind als die Summe der einzelnen Teile. Also im Gemeinsamen entsteht ein Mehrwert. Und es gibt immer Sachen, die nicht vorhersehbar ist, was Überraschungen sorgt. Ich glaube auch, dass das fürs Publikum interessant ist. Also wenn man dasitzt und jetzt eine Nummer runterspielt und vielleicht darüber improvisiert oder irgendwelche Veränderungen macht, kann das ja ganz nett sein. Aber wenn man sozusagen ganz blank vor dem Publikum in einen Kommunikationsprozess kommt, der klingend wird und sich nach außen transformiert, dann ist das, glaube ich, für die Hörer auch interessant. Also zumindest geht es mir so. Wenn ich so Improvisations-Sessions höre, denke ich mir manchmal, da bin ich jetzt Zeuge einer einmaligen Sache, die nicht wiederholbar ist.

AR: Wann wird kollektive Improvisation zum kollektiven Komponieren?

KHE: Um Gottes Willen, nie! Komponieren und Improvisieren, das sind völlig verschiedene Sachen. Also das Komponieren hat immer etwas mit Planung zu tun und auch mit ständigem Verfeinern. Man geht immer vor und zurück. Genauso wie beim Schreiben. Man schreibt ja auch nicht einfach so, wie man spricht, sondern man schreibt und verfeinert und verwirft und streicht und ergänzt. Und Komponieren ist auch so ein Vorgang. Also ich glaube nicht an das kollektive Komponieren in diesem improvisatorischen Kontext. Das ist etwas anderes.


Musikkurator

AR: Lange Zeit hast du im Essl Museum monatlich ein Konzert mit neuer, experimentaler Avantgarde-Musik kuratiert, die sich im Idealfall mit den Bildern oder Objekten, die gezeigt wurden, befasst hat. Wie ist deine Beziehung zur bildenden Kunst?

KHE: Neben der Musik und der Literatur ist die Kunst das, was mich mein ganzes Leben lang ständig begleitet. Natürlich auch die entsprechenden Personen. Eine gewisse Astrid Rieder ;-) spielt da auch seit einiger Zeit eine gewisse Rolle. Aber viele Künstlerinnen und Künstler, also ob die jetzt bekannt sind oder nicht, das spielt keine Rolle, aber es war für mich immer interessant eben auch zu sehen, mit welchen Fragen Künstler:innen aus anderen Sparten konfrontiert sind oder welche Fragen sie an mich stellen und was ich darauf antworte oder was das in mir auslöst.


Lehre

AR: Und seit 2007 bist du Professor für Komposition an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien. Du magst das Wort Pädagogik nicht, habe ich gelesen. Wie gehst du an die Vermittlung heran?

KHE: Ich sehe mich nicht als ein Lehrer, der den Studierenden Stoff beibringt bzw. eintrichtert; ich sehe mich vielmehr als Partner oder als Spiegel. Ich sage immer, ich nehme euch ernst, ihr seid selbstständige Künstler:innen und Komponist:innen. Ich möchte euch gerne neue Wege zeigen oder auch vielleicht hinweisen, wo Sachen möglicherweise nicht funktionieren, aber ich werde euch nicht sagen, wie ihr es macht. Meine Funktion ist eher einer der Fragen stellt, als Antworten zu geben.

AR: Beobachtest du bei deinen Studentinnen und Studenten Interesse in Bezug auf transmediale Projekte? Gibt es Ansätze, Musik mit anderen Künsten zusammenzuführen, kollaborativ zu arbeiten?

KHE: Ja, das ist seit den letzten zehn Jahren ein ganz wichtiges Thema. Also ich kenne fast niemanden von meinen Studierenden, der sich nicht mit solchen Sachen beschäftigt, der nicht irgendwie mit Visuals arbeitet oder mit Texten oder mit Tanz oder Performance. Das wird immer wichtiger.


Projekte

AR: Aber blicken wir jetzt zum Schluss in die Zukunft. Wie sehen deine Pläne aus? Ich denke da an Auftritte, Kompositionen, Instrumente.

KHE: Was jetzt ganz aktuell passiert, ist, dass ich demnächst für eine Woche nach Seoul fliege. Es gibt dort ein Toy Music Festival, das mich als Composer in Residence eingeladen hat. Ich werde dort Lectures machen, mehrere Stücke werden gespielt. Und ich freue mich natürlich vor allem, dass ich diese Stadt wieder besuche. Ich war 2019 einmal dort - die Stadt ist ein Wahnsinn! Also das kann man sich gar nicht vorstellen. Das ist eine der größten Industriestädte der Welt, also mit über zehn Millionen Einwohnern und also mit einem ganz, ganz reichen Kulturleben auch. Also es ist ganz altes, ganz neues, es ist auch riesengroß und auch landschaftlich sehr schön, weil es mitten in der Stadt einen Park gibt, diesen Olympiapark, wo ich zufälligerweise mein Hotel in der Nähe habe. Also ich freue mich schon sehr, was da alles auf mich zukommt.


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Updated: 27 Feb 2024

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